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09.10.2017–14.10.2017, Köln, IHILA, Philosophikum (EG) der Universität zu Köln, Albertus-Magnus-Platz, 50931 Köln
Deadline: 15.08.2017

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Gewinner und Verlierer

 von Martin Schulze Wessel


Im Gedenkjahr 2014 steht die Diskussion über den Ersten Weltkrieg noch weitgehend unter der Fragestellung der Kriegsschuld oder der Verantwortung für den Kriegsausbruch. Die Frage nach den Verlierern und den Gewinnern (sowie den Gewinnlern) des Kriegs spielt demgegenüber eine geringere Rolle. Allein in Jörn Leonhardts Studie über den Ersten Weltkrieg wird die Frage aufgeworfen. Am Ende des Krieges, so Leonhards Argument, habe es keine Gewinner, sondern nur Verlierer gegeben. Der einzige Gewinner sei der Krieg selbst gewesen.[1] Für „Siegerstaaten“ wie Frankreich und Großbritannien bedeutete der Krieg in der Tat nicht nur ungeheure Verluste, sondern auch, langfristig gesehen, eine Schwächung ihrer internationalen Position. Aber die neugegründeten oder wiedergegründeten Staaten Nordost-, Südost- und Ostmitteleuropas wird man - bei allen Verheerungen, die der Erste Weltkrieg besonders an der Ostfront bedeutete - nicht anders als Sieger bezeichnen können. Die Historiographien der Nachfolgestaaten der im Krieg zerfallenen osteuropäischen Imperien - des Habsburgerreiches, des Russischen Reichs, des Osmanischen Reichs und in gewisser Beziehung des Deutschen Reichs - betrachteten die Staatsgründungen jedenfalls als einen Gipfelpunkt der eigenen Nationalgeschichte. Deren Siegergeschichte kam mit geschichtsphilosophischer Aufladung am besten in der Schrift des tschechischen Philosophen und Soziologen und ersten Staatspräsidenten der 1918 gegründeten Tschechoslowakischen Republik „Das neue Europa“ zum Ausdruck: „Das nationale Prinzip verschafft sich in Europa seit dem 18. Jahrhundert Geltung und zwar nicht nur politisch und sozial, sondern auch philosophisch, in der Literatur, in der Kunst und im gesamten Leben.“[2] Die neue Staatenordnung im östlichen Europa war in dieser Sicht nicht nur das Ergebnis eines Krieges, in dem die Mittelmächte unterlegen und die Entente-Staaten Gewinner waren, sondern auch Resultat eines siegreichen Prinzips, das seit dem 18. Jahrhundert sich aus Masaryks Sicht allumfassend zum Durchbruch gekommen war und nun in dem politischen Postulat des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ mündete.[3] Die Tschechoslowakei und die anderen neugegründeten Staaten Ostmittel-, Nordost- und Südosteuropas waren aus dieser Perspektive Sieger, und die geschichtsphilosophische Perspektive sollte verbürgen, dass es kein kontingenter, an das Kriegsglück gebundener Sieg, sondern ein Sieg von Dauer sein würde.

In der Frage nach „Gewinnern und Verlierern“ hängen Ereignisgeschichte und Deutungsgeschichte auf das Engste zusammen. Der Wechselhaftigkeit der Verhältnisse setzen Sieger Rituale oder autoritative Deutungen entgegen, die den Sieg zu befestigen versuchen. Repräsentationen der Sieghaftigkeit, seien es die Selbstdarstellung von Schlachthelden wie Alexander der Große oder die Sedanfeiern des Deutschen Kaiserreichs nach 1870/71, sollen die Unbezwingbarkeit des Siegers bezeichnen. Auch die Historiographien von Siegerstaaten erfüllen ähnliche Funktionen, indem sie den Lauf der Ereignisse auf den Sieg hinführen und diesen der historischen Kontingenz entheben. Nicht nur Masaryks philosophische Geschichtsschreibung ist dafür ein Beispiel. Von den mittelalterliche Chroniken und Historiographen bis zur Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts - man denke insbesondere an die borussische Geschichtsschreibun Rankes, Droysens oder Treitschkes -, dient Geschichtsschreibung oft der Legitimation bestehender Ordnungen durch die Erinnerung an glänzende Heldentaten und errungene Siege. Teleologische Geschichtskonzepte wie der Marxismus-Leninismus oder die vom britischen Historiker Herbert Butterfield schon 1931 kritisierte „Whig Interpretation of History“ haben Geschichte in aufeinanderfolgende Stadien geordnet, in denen um das letzte Ziel der Geschichte gerungen wird.[4] Alle Geschichten von „siegreichen“ Konzepten, sei es in der politischen Ideengeschichte, sei es in der Wissenschaftsgeschichte, sind von Blindstellen geprägt. Abweichungen, Irrwege und nicht realisierte Möglichkeiten werden unterdrückt oder geraten unwillentlich aus dem Blick.

Siegerhistoriographie kann sich in aller Regel aller Ressourcen der bestehenden Ordnung bedienen, oft wird sie in Schul- und Universitätscurricula kanonisiert. Ihre Schwäche besteht nur darin, dass sie oft langweilig ist. Ganz im Unterschied zur Historiographie der Verlierer, denn insbesondere dort, wo „eine ganze Welt untergeht“, wie Zeitgenossen die Niederlage Preußens 1806 empfunden haben, wie es aber ähnlich z.B. für den Untergang der Habsburgermonarchie oder der Sowjetunion formuliert worden ist,[5]
stellt sich unabweislich die Frage, wie es zur Niederlage hat kommen können, welche weithin geteilten Selbstverständlichkeiten der alten Welt auf Irrtümern beruhten. Niederlagen können epochale Erfahrungsschübe sein, so die Einsicht Reinhard Kosellecks: „Aus ihren einmaligen, ihnen aufgenötigten Erfahrungsgewinnen [entspringen] Einsichten … die von länger währender Dauer und damit größerer Erklärungskraft sind. Mag die Geschichte - kurzfristig - von Siegern gemacht werden, die historischen Erkenntnisgewinne stammen - langfristig - von den Besiegten.“[6] Die Erfahrung, dass alles anders kommen kann als man denkt und plant, ist allerdings nur dann lehrreich, wenn es zu einem Methodenwechsel im Nachdenken über Geschichte kommt. Aus der Niederlage ist nur dann eine Erfahrung zu ziehen, wenn deren Ursachen in den offenbar falschen Prämissen des eigenen Handelns gesucht werden.[7] In diesem Punkt unterscheidet sich Kosellecks Historik wesentlich von Überlegungen, die Carl Schmitt bereits 1946 im Eindruck der deutschen Niederlage und mit unverkennbar apologetischer Tendenz formuliert hatte. Schmitt sah in dem französischen Publizisten und Historiker Alexis de Tocqueville den Prototypen des besiegten und deshalb hellsichtigen Historikers. In der Revolution besiegt als Aristokrat, als Liberaler und als Christ, verfügte Tocqueville wie kein anderer über historiographischen Scharfsinn und prognostische Fähigkeit. Diese Diagnose Carl Schmitts war allzu sehr auf ihn selbst, den besiegten Deutschen und im NS-Unrechtsstaat allzu engagierten Staatsrechtler zugeschnitten.[8]
 
Eine neue Relevanz hat die Verlierergeschichte mit dem Ende des Kommunismus gewonnen. Eric Hobsbawm, der sich als marxistischen Historiker verstand, bezog sich in seiner Reflexion über Sieger und Verlierer in der Geschichte auf Reinhard Kolleck, als er die Geschichtstheorie von Karl Marx mit dessen biographischen Erfahrungen in Beziehung setzte: „Zum Beispiel als Marxist sage ich mir: es ist ganz offenbar, dass der Marx ein absolut hervorragender Analytiker des Kapitalismus war. Man liest heute noch das Kommunistische Manifest und sagt sich: ja, so ist es geworden. Aber die Voraussage, dass all dies zum Kommunismus führen müsse, hat sich nicht bewahrheitet.“[9] Marx selbst habe in der Revolution von 1848 eine Niederlage erlebt. Marx‘ Theorieentwicklung nach 1848 fasst Hobsbawm als Reaktion auf diese Erfahrung einer Niederlage auf.

Die Rede von „Gewinnern und Verlierern“ gehört seit der Antike zum Kernbestand der Deutung historischen Geschehens. Das Bild vom Gewinner und Verlierer wird dabei von Wettbewerben wie dem sportlichen Wettkampf oder der demokratischen Wahl sowie von regelhaft geführten Konflikten geprägt, in denen sich am Ende Sieger und Besiegte gegenüberstehen. Aber auch historische Prozesse wie Aufbau oder Zerfall von Staatlichkeit, Neuerschließungen von Handelsrouten, koloniale Expansion und Verdichtungen von Kommunikationsräumen haben Gewinner und Verlierer, die sich nicht in direkter Interaktion gegenüberstehen müssen, sondern ggf. erst in der historischen Untersuchung und im historischen Urteil als solche hervortreten. Wer die Gewinner und Verlierer in Prozessen der Modernisierung, der Urbanisierung oder der Globalisierung sind, ist das Thema einer Geschichtsschreibung, die soziale Ungleichheit und die lokalen und globalen Dynamiken der Entstehung von Ungleichheiten untersucht, die sich für die Verteilung von Macht und Ressourcen zwischen Geschlechtern interessiert. Ähnliche Fragen stellen sich auch in Bezug auf Migrationsprozesse: Sind Migrantinnen und Migranten mit ihrer freiwilligen oder erzwungenen Wanderung „erfolgreich“? Unter welchen Bedingungen und aus welcher Perspektive erscheint Integration „gelungen“? Auch diese Fragen hängen mit dem Themenfeld „Gewinner und Verlierer“ eng zusammen. Sie erfordern, über die Analyse von großen Prozessen wie „Modernisierung“ hinaus, die Berücksichtigung der Perspektive der Akteure, die von den großen Prozessen mehr oder weniger betroffen sind, diese selbst deuten und nur unter diesem Vorbehalt als Gewinner oder Verlierer zu beschreiben sind.

Nicht nur die Sozialgeschichte, sondern auch die Erinnerungsgeschichte kennt Gewinner und Verlierer. So berechtigt die Kritik an hermetischen Vorstellungen von einem normierten „kulturellen Gedächtnis“ sind, so richtig ist doch der Hinweis, dass Geschichtspolitik, die sich u.a. in der Herausgabe von Schulbüchern oder der Platzierung von Denkmälern im städtischen Raum manifestiert, unausweichlich bestimmte Erinnerungsbestände privilegiert und andere zurücksetzt. Insbesondere im Kontext der Kolonialgeschichte geht der Sieg der Kolonisatoren oft mit einem Ausschluss der Kolonisierten aus dem europäischen Gedächtnis einher.[10]

Die Rede von Gewinnern und Verlierern ist stets an bestimmte Perspektiven gebunden. Annahmen darüber, welches „Spiel“ eigentlich gespielt wird, und Erwartungen hinsichtlich der künftigen Entwicklung bestimmen mit, wer als Gewinner und wer als Verlierer gilt. Vor allem aber sind Kampf und Konkurrenz nicht die einzigen sozialen Interaktionsformen. Individuen und soziale Gruppen kooperieren mit wechselseitigem Gewinn, über staatliche ethnische und kulturelle Grenzen hinweg. Dies gerät aus dem Blickwinkel, wenn soziale Interaktionen, sei es in der Geschichte von Mensch und Umwelt, in der Diplomatiegeschichte oder in der Geschlechtergeschichte als Nullsummenspiel konzipiert werden, in dem Verlust und Gewinn eng korreliert sind. Historische Prozesse verlaufen in hohem Maße kontingent. Nicht realisierte Möglichkeiten, Seitenwege und vermeintliche Sackgassen in der Geschichte aufzuspüren, erfordern einen methodischen Ansatz, der um die heuristische Problematik der Einteilung in „Gewinner und Verlierer“ weiß. Das Denken in „Hauptstraßen der Geschichte“ und in vorgegebenen antagonistischen Strukturen und Handlungsmustern kritisch zu reflektieren, ist eine der wichtigsten Aufgaben, die das Thema „Gewinner und Verlierer“ stellt.


Der Text wird veröffentlicht in der Zeitschrift "Geschichte für heute" (4/2014) beim Wochenschau Verlag. Für die Bereitstellung des Textes als online-Veröffentlichung danken wir der Redaktion und dem Wochenschau Verlag.

[1] Leonhard, Jörn: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014.

[2] Masaryk, Tomáš G.: Nová Evropa [Das neue Europa, im tsch. Original erschienen 1920], zitiert nach der dt. Übersetzung von Emil Saudek: Masaryk, Das neue Europa. Der slavische Standpunkt. Berlin 1991 [Nachdruck der dt. Erstausgabe von 1922], 45.

[3] Fisch, Jörg: Das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die Domestizierung einer Illusion, München 2010.

[4] Butterfield, Herbert: The Whig Interpretation of History (1931); URL: www.eliohs.unifi.it/testi/900/butterfield, Html edition for ©Eliohs by Guido Abbattista - February 2002.

[5] Zur Habsburgermonarchie siehe insbesondere die Romane Joseph Roths „Kapuzinergruft“ oder „Radetzkimarsch“. Zur Perzeption des Untergangs der Sowjetunion als Zivilisation siehe: Yurchak, Alexei: Everything was forever, until it was no more. The last Soviet generation, Princeton, NJ 2005.

[6] Koselleck, Reinhard: Erfahrungswandel und Methodenwechsel. Eine historisch-anthropologische Skizze, in: ders.: Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt a.M. 2000, S. 27-77, hier S. 68.

[7] Als Untersuchung, die an dieses Problem anknüpft siehe: Schivelbusch, Wolfgang: Die Kultur der Niederlage. Der amerikanische Süden 1865, Frankreich 1871, Deutschland 1918, Frankfurt am Main 2007.

[8] Weichlein, Siegfried: Die Verlierer der Geschichte. Zu einem Theorem Carl Schmitts, in: Christian Giordano u.a. (Hg.), Trugschlüsse und Umdeutungen. Multidisziplinäre Betrachtungen unbehaglicher Praktiken, Münster 2009, S. 147-165.

[9] Esch, Christian: Ein Gespräch mit dem Historiker Eric Hobsbawm über Sieger und Verlierer der Geschichte. Es war nicht die Hauptstraße, in Belriner Zeitung vom 21.11.2003.

[10] Nathan Wachtel in seinem Vorwort von 1992 Zu seiner 1971 erstmals erschienenen Studie über die indigene Sicht der spanischen Eroberung Perus: Wachtel, Nathan: La Vision des Vaincus – Les Indiens du Pérou devant la Conquête Espagnole (1530-1570), 1971, S. I. Siehe auch: Levy, Daniel/ Sznaider, Nathan: Erinnerungen im globalen Zeitalter. Der Holocaust, Frankfurt Mai 2007, S. 117.