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28.09.2017 12:10

Anwesenheitspflicht an NRW-Hochschulen

Der Appell des VHD für mehr Präsenz in Seminaren wurde gehört: Universitäten in Nordrhein-Westfalen sollen künftig wieder die Anwesenheitspflicht der Studierenden in Seminaren verlangen können.

Der VHD hat im Frühjahr 2017 in einem offenen Brief an die CDU- und FDP-Fraktion in NRW gegen die fehlende Präsenzpflicht in Seminaren argumentiert. In einem Artikel in der FAZ Anfang September untermauerte Eva Schlotheuber, Vorsitzende des VHD, dieses Anliegen.

Nun kündigte die Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen an, das unter der  Vorgängerregierung eingeführte "starre Verbot" von Anwesenheitspflichten in Seminaren abzuschaffen:

https://www.welt.de/regionales/nrw/article169102687/An-NRW-Unis-soll-wieder-Anwesenheitspflicht-gelten.html

https://www.waz.de/politik/schule-und-campus/an-nrw-unis-soll-wieder-anwesenheitspflicht-gelten-id212065829.html

 

Am 07.09.2017 erschien der Artikel von Eva Schlotheuber in der FAZ:

Der Ruin der Universitas als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Die Abschaffung der Anwesenheitspflicht hat für das Studium und seine Organisation katastrophale Folgen – die Regelungen sind unterschiedlich (Eva Schlotheuber, FAZ 07.09.2017, S. 7)

 

Offener Brief des VHD an die CDU und an die FDP NRW

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit den Neuwahlen in Nordrhein-Westfalen und der damiteinhergehenden Neuausrichtung der Regierungspolitik ist aus Sicht des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) die Chance gegeben, das 2014 verabschiedete Hochschulzukunftsgesetz und insbesondere die mit dem Gesetz abgeschaffte Anwesenheitspflicht an Hochschulen zu überdenken und zu überarbeiten.

Kern des geschichtswissenschaftlichen Studiums ist die Schulung der kritischen Auseinandersetzung anhand der Quellen einzelner Epochen auf der Grundlage der fachwissenschaftlichen Methodik. Diese Fähigkeiten werden einerseits durch verschiedene Lehrformate von der Vorlesung bis zur Übung und andererseits im Selbststudium der Quellen und Forschungsliteratur vermittelt. Beides muss in einem guten Verhältnis zueinander stehen, soll ein entsprechender Lernerfolg erzielt werden. Die selbständige Organisation des Studiums und das geschulte eigenverantwortliche Arbeiten sind dabei essentieller Teil der Ausbildung, die es Historikerinnen und Historikern ermöglichen, auf dem Arbeitsmarkt außerhalb der Universität gut Fuß zu fassen.

Drei Jahre nachdem die Anwesenheitspflicht in Nordrhein-Westfalen 2014 abgeschafft wurde und damit Schule für andere Bundesländer machte, müssen wir bilanzieren, dass diese Änderung nicht den gewünschten Effekt erzielt, sondern einer Erosion der universitären Ausbildung Vorschub leistet. Ein Studium, das ohnehin auf hohem Niveau die Selbstorganisation verlangt, leidet erkennbar in zweifacher Hinsicht darunter, wenn die gemeinsame Auseinandersetzung in den Seminaren und Übungen entwertet wird: Zum einen, weil gerade in den Geisteswissenschaften die Ausbildung von Reflexionspotential im Dialog, im direkten Austausch von Argumenten entsteht. Es zählt eben nicht die Reproduktion erlernter Fakten, sondern das Erkennen von Zusammenhängen von Längs- und Querschnitten und die kritische Reflexion historischer Narrative. Dieser Teil des Studiums kann jedoch nur sehr bedingt durch ein Selbststudium angeeignet werden, es bedarf hierfür der Form des Seminars oder der Übung. Zum anderen verkürzt eine fehlende Präsenzpflicht/ Abwesenheit als unbeabsichtigter Seiteneffekt das Studium auf eine mehr oder minder sinnvolle Semester-Abschlussleistung, die als Äquivalent das gemeinsame Arbeiten ersetzt.

Lehre muss wie jeder andere Teil der Hochschule mit der Zeit gehen. Ausnahmeregelungen für Kinderbetreuung oder für einen Nebenerwerb zur Finanzierung des Studiums müssen jederzeit möglich sein. Auch gilt es, neue Lehr- und Lernformen zu integrieren. Abwesenheit als Prinzip höhlt jedoch das über sehr lange Zeit aufgebaute und bewährte System Universität und die ihm zugrunde liegende Bildungsidee der ‚universitas‘, der Gemeinschaft der Lehrenden und der Lernenden, unnötig aus und führt zur Unmündigkeit der Studierenden.

Als Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands und Professorin der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität ist mir der Lehralltag seit langem geläufig. Deshalb sehe ich die Entwicklungen an nordrhein-westfälischen Hochschulen und den vielen anderen in der Bundesrepublik mit großer Sorge. Es kann nicht alleine Aufgabe der Hochschulpolitik sein, Änderungen vorzunehmen, diese müssen von allen Seiten getragen werden, aber die Änderung des Gesetzes wäre der Teil, den Sie als neue Regierungsmitglieder leisten können.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Eva Schlotheuber

Vorsitzende des VHD

Offener Brief als PDF (gleichlautend auch an die CDU NRW)