Mitteilungen aus dem Verband

Theorie trifft Praxis? Museen, Kurator/innen und Universitäten im Feld der Geschichtsausstellung

Tagung am 30. Juni/1. Juli 2016 im historischen museum frankfurt, Frankfurt am Main Eine Tagung...

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Aktuelles aus der Geschichtswissenschaft

„Zeiten: Gestern, Heute und Morgen“ – 25. Wissenschaftliche Tagung der DGfS, 7. – 9. Oktober 2016 in Frankfurt am Main

Sexualität vervielfältigt sich gegenwärtig zu einer Fülle sexueller Erscheinungsformen,...

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Veranstaltungen

Ank: Buchvorstellung "Raul Hilberg. Anatomie des Holocaust-Essays und Erinnerungen" 6. Juni 2016 18:15 Uhr Fritz Bauer Institut Frankfurt

Fritz Bauer Institut Frankfurt/Main
S. Fischer Verlag Frankfurt/Main
06.06.2016, Frankfurt/Main, Goethe Universität Frankfurt am Main, Campus Westend, IG Farben Haus, Raum 411

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Die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Geschichtswissenschaft. Eine Umfrage des VHD im Jahr 2012

I.

 Ausgangspunkt unserer im letzten Jahr durchgeführten Umfrage zur "Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Geschichtswissenschaft" war die Enquete von Hans-Joachim Lincke und Sylvia Paletschek aus dem Jahr 2002 sowie eine von Christoph Cornelißen, Ute Schneider und Arnd Reitemeier durchgeführte Nachwuchsumfrage im Jahr 2007. Hieran anschließend führten wir eine intensive Hintergrundrecherche und Befragung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie der Lehrstuhlinhaber im Fach Geschichte durch. Ein besonderes Augenmerk galt dabei den in Großforschungsprojekten promovierenden und habilitierenden Personen (Exzellenzcluster, Graduiertenschulen, Sonderforschungsbereiche) sowie den Lehrkräften für besondere Aufgaben. Die auf den Internetseiten des Historikerverbandes zugängliche Studie setzt damit einen stärkeren Akzent auf Promovierende als die Umfragen von 2002 und 2007. Außerdem sollten mit den erhobenen Daten nach Möglichkeit die Unterschiede in männlichen und weiblichen Karrieremustern nachgezeichnet werden. Ziel der Untersuchung war es zudem, zu eruieren, inwiefern die neuen großen Förderinstrumente (Excellenzcluster, Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereiche) die Strukturen der Nachwuchsförderung in den letzten Jahren verändert und ob sie vermehrt Doktoranden und Habilitanden in der Geschichtswissenschaft erzeugt haben. Außerdem sollten mögliche Einflüsse auf die Karriereverläufe von Frauen und Männern identifiziert werden. Insgesamt ist zu betonen, dass die Erhebung des statistischen Materials auf der Freiwilligkeit der Befragten und der Zugänglichkeit von Informationen im Internet beruhte. Das Statistische Bundesamt sammelt nur sehr grobe Zahlen zu Absolventinnen und Absolventen des Faches. Zahlen etwa darüber, wie viele Historikerinnen und Historiker derzeit in Deutschlands promovieren, sich habilitieren oder sich auf eine freie Stelle im wissenschaftlichen Umfeld bewerben, existieren nicht. Die ausgewerteten Daten sind daher nur als Stichprobe für das Jahr 2012 zu verstehen und können folglich nur begrenzt verallgemeinert werden.

II.

Die Zahl der Promotionen in den Geschichtswissenschaften befand sich gemäß Angaben des Statistischen Bundesamtes nach einem Rückgang von 2002 bis 2006 von 455 auf 406 pro Jahr bis 2010 wieder etwas im Anstieg, 2011 ging sie allerdings wieder auf 407 Promotionen pro Jahr zurück. Insgesamt ist die Zahl aller Promovierenden in den Kultur- und Sprachwissenschaften zwischen 2000 und 2011 jedoch relativ konstant geblieben (2674 im Jahr 2000, 2711 im Jahr 2011, vgl. Statistisches Bundesamt Fachserie 11, Reihe 04.02.2011, S. 13). Nach der ersten Phase der Exzellenzcluster und nach jahrelanger DFG-Förderung durch SFBs und Graduiertenkollegs kann kein signifikanter Anstieg bei der Zahl der Promotionen beobachtet werden. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass mittlerweile nicht mehr die geburtenstarken Jahrgänge promovieren, sodass man eigentlich einen Rückgang der Promotionszahlen erwarten sollte. Insofern gehen wir davon aus, dass es sich hier um einen relativen Anstieg handeln, der aber mit dem vorliegenden Zahlenmaterial kaum statistisch zu eruieren ist. Der Anteil der Promotionen in Geschichte von Männern und Frauen pendelt sich seit mehreren Jahren bei einem Verhältnis von 60% zu 40% ein. Damit liegt die Geschichtswissenschaft etwas unter dem durchschnittlichen Frauenanteil bei Promotionen, der in den letzten Jahren bei 44% lag (siehe Stat. Bundesamt). Die Zahl der Habilitationen in Geschichte ging von 2002 bis 2005 deutlich zurück, von 93 auf 61. In den Folgejahren schwankte die Zahl zwischen 40 und 60 Habilitationen pro Jahr. Bei der geringen Zahl dieser Prüfungen insgesamt sind starke Schwankungen allerdings kaum auszuschließen; deswegen sind statistische Aussagen über bestimmte Trends nur schwer zu vertreten. Freilich ist auch hier nach der ersten Phase der Exzellenzcluster kein signifikanter Anstieg der Habilitationen zu beobachten, der auf Großforschungsprojekte zurückzuführen wäre. Der Anteil der Habilitationen von Frauen pendelt sich seit Jahren bei etwas über 30% ein. Damit befinden sich die Habilitationen von Frauen in Geschichte über dem bundesweiten Anteil der Habilitationen von Frauen an allen Habilitationen, der 2011 bei 25,5% lag (siehe Stat. Bundesamt).

III.

Die Zahl der in der Großforschung (SFB, Exzellenzcluster, Graduiertenkollegs) Promovierenden liegt nach der vom Historikerverband erhobenen Stichprobe vom Frühjahr 2012 bei etwa 10% aller Promovierenden. In den Großforschungsprojekten promovieren deutlich mehr Frauen als an herkömmlichen Instituten. Der Anteil der in größeren Forschungsverbünden Habilitierenden liegt ähnlich hoch wie bei den Promovierenden und macht etwa 11% aller Habilitierenden aus. Auch auf dieser Qualifikationsstufe gilt: In den Großforschungseinrichtungen habilitieren prozentual deutlich mehr Frauen als an Universitäten und Instituten. Dabei ist zu beachten, dass die Zahl der Habilitierenden insgesamt sehr hoch ausfällt und der Trend zur Habilitation im Fach Geschichte ungebrochen ist. Allerdings wurden alle Postdoc-Projekte in die Erhebung aufgenommen, die im Internet verzeichnet waren, doch nicht alle werden zum Abschluss einer Habilitation führen. Eine genauere Unterscheidung ist allerdings nach der Datenlage nicht möglich. Insgesamt ist zu beobachten, dass Großforschungsprojekte offenbar alternative Karrierewege anbieten, die auch verstärkt von Frauen wahrgenommen werden. Allerdings ändert dies nichts an der Gesamtproblematik der deutschen Karriere, die erst sehr spät und mit der Berufung auf eine Professur eine langfristige Perspektive bekommt. Die starken Investitionen in diese Form der Nachwuchsförderung haben die Probleme eher verschoben als zu ihrer Lösung beigetragen.

IV.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2011 124 Personen im Fach Geschichte als Lehrkräfte für besondere Aufgaben beschäftigt. Die Lehrkräfte für besondere Aufgaben bekleiden mit höchst unterschiedlichen Qualifikationen, von promovierend bis zu habilitiert, die fraglichen Stellen. Lediglich 6 von 45 befragten Personen sind entfristet. Das Lehrdeputat schwankt zwischen 2 und 18 Stunden pro Woche, durchschnittlich liegt es bei 8,5 Stunden pro Woche, in etwa bei einem Professorendeputat. Insbesondere die Befragten der Jahrgänge 1970–79, also die gerade Promovierten oder noch Promovierenden haben ein sehr hohes Lehrdeputat und sind nicht entfristet. Der Einfluss der Großforschungsförderung ist hier indirekt zu verorten. Durch Cluster, SFBs, Graduiertenkollegs sind zahlreiche Professoren langfristig beurlaubt. Ihre Lehre wird an vielen Fakultäten teilweise mit Lehrkräften für besondere Aufgaben aufgefangen. Dies sind keine nachhaltigen Lösungen, die zu planbaren Karrieren führen. Hier ist der Einfluss der Großforschungseinrichtungen für den Nachwuchs höchst problematisch. Als ebenso problematisch sehen wir die Finanzierung dieser Stellen durch Ländermittel an, was zu einer weiteren Absenkung der Grundfinanzierung der Universitäten führt.

V.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Befund der Erhebung von Paletschek und Lincke aus dem Jahre 2002 weiterhin gilt: Große Teile des hoch qualifizierten Bewerberinnen- und Bewerber-Reservoirs im Fach Geschichte werden keine Dauerstellen an der Universität finden. Der Trend zu Großforschungsprojekten hat diese Tendenz eher verschärft, da eine große Zahl an Qualifikationsstellen geschaffen wird. Da die Exzellenzcluster, Sonderforschungsbereiche und sonstigen Großforschungseinrichtungen lediglich Zeitstellen zur Verfügung stellen, verschieben sie das grundsätzliche Problem nur zeitlich. Zwar ist bislang aus dem von uns für einen sehr kurzen Zeitraum erhobenen Material noch kein sichtbarer Anstieg von Promotionen und Habilitationen zu vermerken, doch ist der Konkurrenzdruck in der Drittmittelförderung weiter gestiegen (W-Besoldung, verknüpft mit Zielvereinbarungen, die erfolgreiche Drittmitteleinwerbungen vorsehen) und hat alternative Projektkarrieren weiter erschwert. Auch das Modell der „Lehrkräfte für besondere Aufgaben“ stellt keine berufliche Alternative für den Nachwuchs dar, da es sich fast nie um Dauerstellen handelt, die eine planbare Karriere ermöglichen, und insgesamt nur eine sehr kleine Anzahl dieser Stellen angeboten wird. Besorgniserregend ist ferner die sehr hohe Zahl des nebenberuflichen Personals in Geschichte: Die Zahl der Lehrbeauftragten, Privatdozenten, wissenschaftlichen Hilfskräfte etc. umfasste 2011 ca. 1900 Personen, während sich die Zahl der hauptberuflich Tätigen (befristet und unbefristet, Professoren, Assistenten, Mitarbeiter, Lehrkräfte für besondere Aufgaben) auf ca. 3000 belief (Statistisches Bundesamt, Fachserie 11,
Reihe 04.04.2011, S. 93). Deutschland leistet sich an seinen Universitäten im Gegensatz zu fast allen anderen europäischen Ländern insgesamt einen Anteil befristeter Stellen in Höhe von 68%. Dem stehen lediglich 13% unbefristete Professorenstellen und 2% befristete Juniorprofessuren gegenüber. Die 17% unbefristeten Mitarbeiterstellen sind vor allem in den Naturwissenschaften und der Medizin zu verorten. Dies bedeutet, dass das Verhältnis zwischen befristeten und unbefristeten Universitätsangestellten im Fach Geschichte noch unausgewogener ist (Vgl. zu den Daten: R. Kreckel, Karrieremodelle an
Universitäten im internationalen Vergleich, in: A. Borgwardt
(Hg.), Der lange Weg zur Professur, Berlin 2010, S. 33–44). Mit Blick auf die ständige Kürzung von universitären Grundmitteln und Personalstellen (befristet wie unbefristet) bei derzeit noch steigenden Studierendenzahlen ist daher zu fragen, ob diese Entwicklung insgesamt für die Arbeit an Universitäten und insbesondere für die Betreuung der Studierenden förderlich ist. Die späte Entscheidung über Erfolg und Misserfolg im Wissenschaftssystem (einige Jahre nach der Habilitation, also Mitte 40) macht alternative Karrieren fast unmöglich. Auch damit unterscheidet sich Deutschland von den meisten europäischen Nachbarn, wo diese Entscheidung meist nach der Promotion fällt. Man setzt also gerade in den Geisteswissenschaften, wo es generell wenig Ausstiegsmöglichkeiten gibt, auf das Profil der Hochrisikokarriere. In den letzten 40 bis 50 Jahren wurde das Problem einer großen Zahl wissenschaftlichen Nachwuchses zunächst durch die Bildungsexpansion der 1970er Jahre und dann durch die faktische Neubesetzung der meisten Professuren an Universitäten der neuen Bundesländer in den 1990er Jahren erheblich gemildert. In nächster Zeit ist aber keine solche plötzliche Expansion der Professorenstellen zu erwarten. Exit-Options in Richtung Großbritannien und USA waren in der Vergangenheit für eine kleine Gruppe möglich, stellen jedoch auch in Zukunft keine verlässliche Alternative dar. Hierbei handelt es sich allerdings um ein übergreifendes hochschulpolitisches Problem, das nicht nur die Geschichtswissenschaften betrifft, das sich aber in den erhobenen und zusammengestellten Zahlen für diese Disziplin deutlich widerspiegelt. Die Hochschulpolitik sollte in Zukunft stärker in planbare Karrieren investieren und nicht noch mehr befristete und nicht nachhaltige Großforschungsprojekte auflegen. Mehr attraktive Tenure-Track-Optionen sollten angeboten und im Bereich der wenigen Stellen mit Hochdeputatslehre feste Stellen eingeplant werden. Es ist noch einmal zu betonen, dass die von uns erhobenen Zahlen lediglich eine Momentaufnahme aus dem Jahr 2012 darstellen. Um einen langfristigen Trend der Karrierewege des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Geschichtswissenschaften abzusehen, muss diese Erhebung in einigen Jahren wiederholt werden. Erst dann werden die Effekte der Programmforschung, die ab Mitte der 2000er Jahre mit der Exzellenzinitiative massiv ausgebaut wurde, darstellbar.

Andreas Eckert, Nora Hilgert, Ulrike Lindner