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Köpfe statt Zahlen: Der Historikerverband sieht die Einführung des Kerndatensatzes Forschung kritisch

 04.08.2015


Die Hochschulrektorenkonferenz hat sich 2014 offen dafür gezeigt, das vom Wissenschaftsrat (WR) als Pilotprojekt durchgeführte Forschungsrating auszuweiten und hat daran die Einführung eines „Kerndatensatz Forschung“ (KDS) als systematische Datengrundlage geknpüft. Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V. (VHD) lehnt das geplante Forschungsrating weiterhin ab und sieht auch die Einrichtung des KDS in seiner Fachkulturen nivellierenden Form und seiner wissenschaftspolitischen Stoßrichtung kritisch.

Die Hochschulrektorenkonferenz hatte in ihren Empfehlungen zur Ausweitung des Forschungsratings im Jahr 2014 die Einrichtung eines „Kerndatensatzes Forschung“ (KDS) gefordert, der keine qualitative, sondern eine strikt quantitative Auswertung enthält, um mithilfe einer grundlegenden Datensammlung „den organisatorischen Aufwand“ einer solchen Erfassung „in einem angemessen Rahmen“ zu halten. Der Wissenschaftsrat hat hierzu bereits im vergangenen Jahr ein Papier vorgelegt, das öffentlich weitgehend unkommentiert geblieben ist. Der Historikerverband nimmt die nun veröffentlichte Beta-Version des KDS zum Anlass einer kritischen Zwischenbilanz. Seine grundsätzlich kritische Haltung zum Forschungsrating ist unverändert. 

Standardisierung untergräbt Fachkulturen

Der KDS speichert standardisierte Daten und gilt fachübergreifend. Der VHD sieht dabei die große Gefahr, dass die Unterschiede zwischen den Fachkulturen verwischt und für Wissenschaftler gar Fehlanreize geschaffen werden, durch strategisches Verhalten die entscheidenden Daten im KDS zu verbessern. Andere wichtige Aufgaben neben der Forschung werden im KDS nicht ausreichend erfasst: Für die Geschichtswissenschaften blieben nicht nur die Lehre, sondern auch Tätigkeiten im weiten Bereich der public history weitgehend undokumentiert – und wären damit aus der Sicht von Universitätsleitungen womöglich nicht wertvoll.

Personenbezogene Daten in Gefahr

Der KDS verwaltet datenschutzrechtlich sensible, personenbezogene Daten (als Basisdaten sollen u.a. kontinuierlich gepflegt werden: Name, Geschlecht, Geburtsdatum, Befristung, Staatsangehörigkeit). Zwar sollen diese nicht alle öffentlich zugänglich sein, zugleich ist es für die Nutzbarkeit des KDS unumgänglich einem möglichst großen Institutionenkreis durch entsprechende Software-Schnittstellen Zugriff zu gewähren. Der Schutz personenbezogener Daten nach höchsten Sicherheitsstandards muss dabei gewährleistet werden. Hier sieht der VHD vor allem auch die Datenschutzbeauftragen der Länder in der Pflicht.

Riesige Datenpools statt Datensparsamkeit

Der WR formuliert den Grundsatz der Datensparsamkeit. Es stellt sich aber die Frage, ob nicht im Gegenteil eine Datenansammlung geschaffen wird, für die erst eine Verwendung gesucht werden muss. Mit dem KDS entstehen neue riesige Datenpools (mehr als einhundert Einträge pro Person), die weit über das Maß bisheriger Abfragen hinausgehen. Der eigentliche Antrieb für die aufwendige Erhebung und Pflege der Datenpools liegt vor allem im Interesse der staatlichen und wissenschaftsorganisatorischen Verwaltungen nach Erfassung, Kontrolle und Steuerung von Wissenschaft begründet.

Hoher Aufwand ist im jetzigen Betrieb nicht zu leisten

Der enorme Aufwand, der mit der Einrichtung des KDS als zusätzlicher Datenbank einhergeht, ist im laufenden Forschungs- und Lehrbetrieb, der nicht nur mit steigenden Studierendenzahlen, einem Zwang zu Drittmittelanträgen und sinkender Grundfinanzierung, sondern auch Stellenabbau vor allem im Bereich des Mittelbaus zu kämpfen hat, nicht zu leisten. Allein schon die Unterlagen zur Einarbeitung in den KDS sind 50 Seiten stark und mit technischen Details gespickt. Der VHD appelliert daher an Bund und Länder, dass – sollte die Einrichtung des KDS durchgesetzt werden – die Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig mit genügend Personalmitteln ausgestattet werden.

Es dominiert das Diktum „Zahlen statt Köpfe“

Neben den Bedenken hinsichtlich des großen administrativen Aufwands und der Besorgnis um den Datenschutz sowie der Egalisierung von spezifischen Fachkulturen durch standardisierte Datensätze sieht der Vorsitzende des VHD, Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, eine Übertragung von Verhältnissen, wie sie aus Großbritannien bekannt sind, auf das deutsche Wissenschaftssystem zukommen: „Die Einführung des KDS wird fast zwangsläufig mit einer Veränderung der Wissenschaftskultur in Deutschland verbunden sein. Die Konkurrenz der Wissenschaftsinstitutionen um die besten Köpfe würde sich an methodologisch fragwürdigen Kennzahlen orientieren, nicht an wissenschaftlicher Kreativität und Ausstrahlungskraft in Forschung und Lehre. Aus dem englischen Wissenschaftssystem ist die hohe Stellenfluktuation bekannt, zu der es regelmäßig vor Evaluationen an den Hochschulen kommt. Universitäten, die im Ranking gut abschließen wollen, kaufen kurzfristig Wissenschaftler ein, deren Kennziffern sehr gut sind. Eine nachhaltige Förderung von exzellenter Wissenschaft kann damit nicht erreicht werden.“

Weitere Einbindung der einzelnen Fächer ist geboten

Den Fachgesellschaften wurden nur knapp zwei Monate Zeit gegeben, um die Beta-Version des KDS zu kommentieren. Dass dafür das Semesterende gewählt wurde, spricht für kein wirkliches Interesse an einer Rückkoppelung mit der Wissenschaft. „Der Historikerverband“, so Martin Schulze Wessel, „hält es daher für wichtig, den Diskussionsprozess über den KDS wesentlich breiter anzulegen und über einen längeren Zeitraum zu führen. Nur so kann Transparenz geschaffen werden.“


Kontakt:
Dr. Nora Hilgert (Geschäftsführung)
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V.
Goethe-Universität Frankfurt, Senckenberganlage, 60325 Frankfurt, Tel.: 069 79832571, E-Mail: hilgert@historikerverband.de

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V. ist die Interessenvertretung des Faches Geschichte gegenüber gesellschaftlichen Organisationen und staatlichen Behörden, er unterstützt die internationale Vernetzung der Geschichtswissenschaft, setzt sich für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ein und veranstaltet im zweijährigen Rhythmus den Deutschen Historikertag. Der VHD hat zurzeit 3.000 Mitglieder.

V.i.S.d.P.: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel (Vorsitzender) / Prof. Dr. Johannes Paulmann (Schriftführer)