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03.05.2021 14:28

Nachruf auf Lothar Burggraf und Graf zu Dohna

Prof. Dr. Lothar Burggraf und Graf zu Dohna (4. Mai 1924–9. März 2021)

Das Institut für Geschichte der TU Darmstadt trauert um Prof. Dr. Lothar Burggraf und Graf zu Dohna, der am 9. März 2021 verstorben ist. Der am 4. Mai 1924 Geborene lehrte von seiner Berufung 1972 bis zu seiner Emeritierung 1989 Geschichte des Mittelalters am Institut für Geschichte der Technischen Hochschule Darmstadt. Die Professur für mittelalterliche Geschichte war erst 1971 eingerichtet und zunächst vertretungsweise von dem frisch in Heidelberg habilitierten, später in Gießen lehrenden Peter Moraw versehen worden. Lothar Graf zu Dohna gehört somit zu jener Professorengeneration, die das Instituts für Geschichte in dessen Gründungsphase zwischen 1963 und 1972 aufbauten und formten. In die Jahre seines Wirkens fallen wesentliche Weichenstellungen, die das Institut bis heute prägen. Lothar Graf zu Dohna brachte für die Anforderungen dieser Gründungsphase beste Voraussetzungen mit.

Aufgewachsen als Sohn der bedeutenden Burggrafenfamilie Dohna in Ostpreußen, wurde seine Jugendzeit von der langen Geschichte seiner Familie geprägt, die sich als Reformierte schon früh dem politischen Protestantismus zugewandt hatte. Seine Eltern engagierten sich in der Bekennenden Kirche und gerieten in Opposition zum nationalsozialistischen Regime. Sein Vater, der Generalstabsoffizier Heinrich Graf zu Dohna-Schlobitten, schied 1943 auf eigenen Wunsch aus der Wehrmacht aus, unterhielt Kontakte zum Kreisauer Kreis und kann insofern zum zivilen Arm der Widerstandsbewegung gerechnet werden, die am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler verübte. Der Vater wurde 1944 in Plötzensee als Mitverschwörer hingerichtet, die Mutter überlebte das Frauen-KZ Ravensbrück. Sohn Lothar entkam als Frontsoldat dem ersten Zugriff des Regimes, war in der Folgezeit aber ebenfalls Repressionen ausgesetzt.

Nach Kriegsende nahm er schon im September 1945 ein breit angelegtes Studium in Göttingen auf, das mit Geschichte und Theologie bereits die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Interessen anzeigt. Auch jenseits des universitären Curriculums bewegte sich zu Dohna im fruchtbaren und inspirierenden akademischen Nachkriegs-Milieu Göttingens. So plante und realisierte er z. B. gemeinsam mit dem auf studentischer Initiative beruhenden „Historischen Colloquium“ einen gemeinnützigen studentischen Wohnheimbau, der die wohl zeitlose Wohnungsnot von Studentinnen und Studenten zu lindern half. Von 1953 bis 1958 war er Assistent am Mainzer „Institut für Europäische Geschichte“ und trug gemeinsam mit Fritz Kallenberg wesentlich zum Aufbau des jungen Instituts bei, dessen Direktor 1968 Karl Otmar Freiherr von Aretin werde sollte, der seit 1964 die Darmstädter Professor für Zeitgeschichte innehatte. 1957 wurde zu Dohna vom seinerzeit wohl einflussreichsten Mediävisten, Hermann Heimpel, über die Reformatio Sigismundi promoviert, eine Reformschrift zur Zeit des Basler Konzils (14311449), deren Intentionen er weniger als revolutionär, sondern vielmehr als konservativ und auf die Reform bestehender kirchlicher und politisch-gesellschaftlicher Verhältnisse gerichtet interpretiert. Es schlossen sich Zeiten als Assistent an der Universität Göttingen und als Habilitations-Stipendiat an; Lehraufträge führten ihn nach Hannover. Der Fokus seiner Forschung verschob sich in die Frühe Neuzeit. 1970 wurde er von dem renommierten Reformationshistoriker Heiko A. Obermann an einen der ersten Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft, „Spätmittelalter und Reformation“, nach Tübingen geholt, wo er mit der Edition der Schriften des Johann von Staupitz betraut wurde (als Resultat erschienen drei Bände 1979, 1987 und 2001). Ein bleibendes Verdienst ist die Erkenntnis, dass Staupitz‘ theologische Bedeutung weit über die eines Beichtvater Luthers hinausgeht, wie zuletzt die gemeinsam mit Richard Wetzel im Luther-Gedenkjahr 2017 abgeschlossene und 2018 erschienene Summa „Staupitz, theologischer Lehrer Luthers“ deutlich macht.

Die spezifischen Voraussetzungen und Bedingungen des kleinen Darmstädter Instituts wusste Dohna bald zu nutzen und zu Stärken auszubauen. Seine sozialgeschichtlichen Interessen mit einem Schwerpunkt auf Reformen und Reformationen passten zum Profil des Instituts. Seine frühneuzeitliche Kompetenz erweiterte das Spektrum des Instituts. Den Interessen des engagierten Protestanten kam es auch entgegen, dass sich mit dem kleinen „Institut für Theologie und Sozialethik“, in dessen Direktorium er lange Jahre mitwirkte, eine Brücke zu dieser Nachbardisziplin und zum Institut für Theologie in Frankfurt bauen ließ, wo er seit 1985 als Honorarprofessor wirkte. In den brückenschlagenden Seminaren des Staupitz-Forschers saßen evangelische neben katholischen Studierenden. Die Kooperation mit dem Hessischen Staatsarchiv Darmstadt trug in der Lehre zu einer Vertiefung der hilfswissenschaftlichen Ausbildung bei, so habilitierte sich der nachmalige Archivdirektor Friedrich Battenberg unter zu Dohnas Ägide. Der umfassend gebildete Kulturprotestant engagierte sich für den internationalen Austausch, wusste die Studierenden für seine Epoche zu begeistern und organisierte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unvergesslich bleibende Exkursionen. Als er 1989, von seinen Kollegen mit einer Festschrift über „Reformatio et reformationes“ geehrt, emeritiert wurde, hinterließ er seiner Nachfolgerin eine gefestigte Abteilung mit guter institutioneller und personeller Vernetzung.

Mit seiner zweibändigen Geschichte der Dohnas und ihrer Häuser, die als Alterswerk 2013 erschien, legte er gemeinsam mit seinem Vetter Alexander und seiner Schwester Ursula eine ungewöhnliche Familiengeschichte vor, die eine lange Zeiträume umfassende Sozial-, Mentalitäts-, Kunst- und nicht zuletzt Erinnerungsgeschichte einer mit dem Zweiten Weltkrieg untergegangenen (Adels‑)Welt darstellt. Seine ganz persönlichen Erinnerungen „an die Jahre vor und nach Kriegsende“, als schmales Bändchen unter dem Titel „Erlebte Geschichte“ noch 2019 veröffentlicht, fängt dagegen ein, was objektivierende Geschichtsschreibung oft (und ganz bewusst) vermeidet und was doch den Atem der Geschichte ausmacht: Schilderungen menschlicher Begegnungen auch in unmenschlicher Zeit, zu Erzählungen verdichtete Erlebnisse und Erfahrungen, aus denen Nachgeborene viel über couragiertes Handeln im Alltag erfahren können, das normalerweise nicht den Weg in die Geschichtsschreibung findet, schließlich auch aufschlussreiche Details über die Entwicklung der Geschichtswissenschaft in der jungen Bundesrepublik.

Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass seit den 1960ern durch Persönlichkeiten wie Otmar von Aretin und Lothar zu Dohna, die noch in der untergegangenen Welt vor der nationalsozialistischen Diktatur verwurzelt waren und die Nachkriegsrepublik mit Herz und Verstand mit aufbauten, in dezidierter Abkehr von älteren Strukturen, Personen und Fachtraditionen der Auf- und Ausbau der Technischen Hochschule Darmstadt zu einer Universität mit einem Kanon auch geisteswissenschaftlicher Fächer erfolgte. Der verbindenden Erfahrung des Totalitarismus wurde der Wille zur kritischen Geschichtsschreibung entgegengesetzt. Auch thematisch schlug diese Generation neue Kapitel der Geschichtsschreibung auf, indem sie verfassungsgeschichtliche Traditionen aufbrach, den Blick auf die Strukturen des Alten Reichs richtete und jenseits der großen Persönlichkeiten zunehmend Personengruppen zum Gegenstand der Analyse machte.

Das Institut für Geschichte der TU Darmstadt wird Prof. Dr. Lothar Burggraf und Graf zu Dohna ein ehrendes Angedenken bewahren.

Gerrit Jasper Schenk