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28.09.2020 10:24

Erklärung der DUHK zum Entzug der Schirmherrschaft durch das Ukrainische Außenministerium

Das ukrainische Außenministerium hat der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission (DUHK) unilateral die Schirmherrschaft entzogen. Die DUHK hat in einer Erklärung Stellung genommen und auf die Hintergründe dieser Entscheidung verwiesen. Die Erklärung im Wortlaut:

 

Erklärung zum Entzug der Schirmherrschaft durch das Ukrainische Außenministerium

Die Deutsch-Ukrainische Historikerkommission (DUHK) bedauert, dass das Ukrainische Außenministerium, wie am 24.9.2020 bekanntgegeben, ihr die Schirmherrschaft entzieht. Dieser Schritt birgt die Gefahr, dass sich deutsche und ukrainische Geschichtskultur voneinander entfernen. Diese einander anzunähern war das Ziel bei der Gründung der DUHK und diesem Ziel bleibt die DUHK selbstverständlich verpflichtet, mit oder ohne Schirmherrschaft.

Die DUHK ist mit Unterstützung der jeweiligen Historikerverbände 2015 als zivilgesellschaftlicher Zusammenschluss entstanden. Danach hat sie sich erfolgreich um eine Finanzierung durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst und die Robert Bosch-Stiftung beworben, die seit dem Januar 2016 gewährt wird. Diese Förderung ist bislang die einzige Finanzierungsquelle der DUHK. Danach hat die DUHK die Außenministerien Deutschlands und der Ukraine um die Übernahme einer symbolischen Schirmherrschaft gebeten, die im März 2016 von den Außenministern Frank-Walter Steinmeier und Pawlo Klimkin gewährt wurde.

Das Außenministerium der Ukraine nennt als Grund für den Entzug der Schirmherrschaft eine mangelnde wissenschaftliche und öffentliche Aktivität der DUHK. Wir überlassen es der Öffentlichkeit, dies zu bewerten. Tatsache ist, dass die DUHK seit ihrer Gründung fünf Internationale Konferenzen, deren Ergebnisse zum Teil publiziert sind, zum Teil bald publiziert werden, durchgeführt hat. Hinzu kommen vier Theorie- und Methodenworkshops mit Teilnehmern aus Deutschland und der Ukraine und zahlreiche weitere Veranstaltungen (Sommerschulen, Panels, Autorenlesungen). Die DUHK baut ein Internetportal zu Schlüsselthemen der ukrainischen und ukrainisch-deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert auf, sie hat ein wichtiges Drittmittel-Forschungsprojekt zur Schulbuchforschung eingeworben und einen weiteren großen  Antrag zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts eingereicht. Sie hat 32 ukrainischen und deutschen Nachwuchswissenschaftlern durch Stipendien ermöglicht, im jeweils anderen Land zu forschen und dabei vom Netzwerk der DUHK, z.B. durch Beratungen bei Forschungsfragen, zu profitieren. Seit der Gründung der DUHK ist das Netz der Wissenschaftskontakte zwischen der Ukraine und Deutschland im Bereich der historischen Forschung sehr viel dichter geworden.

Die DUHK hat auch in öffentliche Debatten immer wieder eingegriffen. In Bezug auf den Holodomor hat die DUHK zwei Veranstaltungen durchgeführt (an einer Konferenz war sie zusammen mit anderen Partnern beteiligt), sie hat durch Forschungen ihrer Mitglieder die wissenschaftliche Grundlage für den politischen Diskurs erweitert und auch publizistisch in die Debatte eingegriffen.[1] Anders als es der Text des Ukrainischen Außenministeriums nahelegt, ist die DUHK bereit, an parlamentarischen Beratungen zum Thema des Holodomor teilzunehmen, sie hat nur in einem einzelnen Fall eine entsprechende Anfrage der AfD-Fraktion abgelehnt. Bei dem Thema eines Berliner Denkmals für die ukrainischen Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft hat sie frühzeitig Position bezogen und eine entsprechende Resolution verabschiedet. Obwohl die eigentliche Aufgabe der DUHK im Bereich von wissenschaftlicher Forschung und Lehre liegt, hat sie immer wieder auch geschichtspolitischen Interessen der Ukraine Rechnung getragen.

Dies kann allerdings nicht auf politische Bestellung hin geschehen. Hier liegt aus unserer Sicht der eigentliche Grund für den Dissens und die Aufkündigung der Schirmherrschaft. Die DUHK wurde am Mittwoch, den 16. September 2020, vom Botschafter der Ukraine Andrij Melnyk durch drei sms-Nachrichten dafür angegriffen, den ukrainischen Historiker Prof. Dr. Georgiy Kasianov zum webinar über den Holodomor eingeladen zu haben. Der Botschafter bezeichnete ihn „als Leugner der genozidalen Natur des Holodomor – und das aus ideologischen Gründen!“ Kasianov leitet die Abteilung für Geschichte der Ukraine an der Nationalen Akademie der Wissenschaften; er ist international z.B. als ehemaliger Fellow von Harvard und auch als Mitglied der Ukrainisch-Österreichischen Historikerkommission sehr renommiert. Selbstverständlich kann die DUHK nicht politischem Druck nachgeben und ihr Tagungsprogramm nach politischen Vorgaben ändern. Im Übrigen zeigt sich anhand der Publikationen Kasianovs, dass er eine abgewogene Position zur Genozidthese einnimmt, die einer politischen Resolution, den Holodomor als Genozid zu bezeichnen, nicht widerspricht. Wir dokumentieren die ungerechtfertigten Angriffe des Botschafters der Ukraine hier (Screenshots vom 16.09.2020, 12:02 Uhr 1, 2, vom 16:09.2020, 13:13 Uhr: 3, und vom 20.09.2020, 15:52 Uhr: 4, 5, 6). Diese stellen nicht den ersten Versuch des Botschafters dar, mit einer politischen Agenda in die wissenschaftliche Tätigkeit der DUHK einzugreifen.

Das Außenministerium der Ukraine kündigt an, eine „Ukrainisch-Deutsche Regierungskommission für historische Fragen“ gründen zu wollen. Botschafter Melnyk hat diese Ankündigung mit der Bemerkung verbunden, er betrachte die DUHK von nun an als Vereinigung von Wissenschaftlern, die „ausschließlich ihre eigene akademische Meinung“ vertreten. Hier liegt der eigentliche Grund des Missverständnisses: Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen können nur ihre eigene Meinung vertreten, ob sie in einer Kommission tätig sind oder individuell. Autonomie von der Politik ist die Grundlage wissenschaftlicher Tätigkeit. Ohne Autonomie von der Politik verliert die Wissenschaft ihre Glaubwürdigkeit und damit auch die Chance, in die Öffentlichkeit hinein zu wirken.

 

[1] Siehe z.B. von deutscher Seite: Guido Hausmann, Tanja Penter, Instrumentalisiert, verdrängt, ignoriert. Der Holodomor im Bewusstsein der Deutschen, in: Osteuropa 3-4/2020, S. 193–214. Auf der Seite der ukrainischen Sektion liegen von Prof. Dr. Jurij Šapoval zahlreiche Veröffentlichungen zu dem Thema vor. Publizistisch: Martin Schulze Wessel, Hungermord. Das größte einzelne Verbrechen der Sowjetunion ist im Westen noch immer kaum bekannt: Die von Stalin verursachte Hungersnot in der Ukraine 1932/33, Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.3.2020, Die Gegenwart.