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05.10.2018 11:18

Resolution des VHD zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie

Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie

– Verabschiedet von der Mitgliederversammlung am 27. Sept. 2018 in Münster –

In Deutschland wie in zahlreichen anderen Ländern bedrohen derzeit maßlose Angriffe auf die demokratischen Institutionen die Grundlagen der politischen Ordnung. Als Historikerinnen und Historiker halten wir es für unsere Pflicht, vor diesen Gefährdungen zu warnen. Streit ist essentiell in einer pluralistischen Gesellschaft, aber er muss bestimmten Regeln folgen, wenn er nicht die Demokratie selbst untergraben soll.

Geschichtswissenschaft hat die Aufgabe, durch die Analyse historischer Entwicklungen auch zur besseren Wahrnehmung von Gegenwartsproblemen beizutragen und die Komplexität ihrer Ursachen herauszuarbeiten. Angesichts einer zunehmend von demoskopischen Stimmungsbildern und einer immer schnelllebigeren Mediendynamik getriebenen Politik möchten wir betonen, dass nur ein Denken in längeren Zeiträumen die Zukunftsfähigkeit unseres politischen Systems auf Dauer gewährleisten kann.

Die folgenden Grundhaltungen des demokratischen Miteinanders in Politik und Gesellschaft halten wir deshalb für unverzichtbar:

Für eine historisch sensible Sprache, gegen diskriminierende Begriffe

Zur politischen Diskussion in der Demokratie gehört eine prägnante Sprache, die die eigene Position auf den Punkt bringt, anderen aber den grundsätzlichen Respekt nicht versagt. Heutige Beschimpfungen von Politikern als „Volksverräter“ oder der Medien als „Lügenpresse“ nehmen die antidemokratische Sprache der Zwischenkriegszeit wieder auf. Zahlreiche historische Beispiele gibt es auch für die verhängnisvolle Wirkung abwertender Begriffe zur Ausgrenzung vermeintlich „Anderer“ aufgrund ihrer Religion, ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung.

Für parlamentarische Demokratie und pluralistische Streitkultur, gegen Populismus

Politische Willensbildung in pluralistischen Demokratien vollzieht sich in öffentlichen Debatten, in denen die Vielfalt politischer Meinungen und sozialer Interessen zum Ausdruck kommt. Ein einheitlicher Volkswille, den dazu Berufene erfassen können, ist dagegen eine Fiktion, die vor allem dem Zweck dient, sich im politischen Meinungskampf unangreifbar zu machen. In der Weimarer Republik ebnete die Idee des „Volkswillens“ einer Bewegung den Weg zur Macht, deren „Führer“ sich als dessen Verkörperung verstand.

Für ein gemeinsam handelndes Europa, gegen nationalistische Alleingänge

Angesichts der zahlreichen gewaltsam ausgetragenen innereuropäischen Konflikte der Vergangenheit ist die europäische Einigung im Zeichen von pluralistischer Demokratie und unantastbaren Menschenrechten eine der wichtigsten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Auch wenn die Legitimität unterschiedlicher nationaler Interessen außer Frage steht, gefährden nationalistische Alleingänge diese historische Leistung. Ausschließlich nationale Problemlösungsstrategien können den politischen, humanitären, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen einer globalisierten Gegenwart nicht angemessen begegnen. Nicht zuletzt im Lichte der kolonialen Gewalt, die Europäer in anderen Teilen der Welt ausgeübt haben, gilt es, der gemeinsamen Verantwortung für die Folgen unserer Politik im außereuropäischen Raum gerecht zu werden.

Für Humanität und Recht, gegen die Diskriminierung von Migranten

Migration ist eine historische Konstante. Ungeachtet aller mit ihr verbundenen Probleme hat sie die beteiligten Gesellschaften insgesamt bereichert – auch die deutsche. Deshalb ist auf eine aktive, von Pragmatismus getragene Migrations- und Integrationspolitik hinzuarbeiten, die sowohl die Menschenrechte als auch das Völkerrecht respektiert.Es gilt, das durch die Verfassung garantierte Recht auf politisches Asyl sowie die Pflicht zur Hilfeleistung in humanitären Krisensituationen so anzuwenden, wie es Deutschland nicht nur aufgrund seiner ökonomischen Potenz, sondern auch aus historischen Gründen zukommt.

Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, gegen den politischen Missbrauch von Geschichte

Die Bundesrepublik Deutschland ist heute eine stabile Demokratie. Dazu beigetragen hat auch, dass die Deutschen nach anfangs erheblichen Widerständen inzwischen mehrheitlich selbstkritisch und reflektiert mit der Geschichte des Nationalsozialismus umgehen. Diesem Prozess hat sich auch unser eigenes Fach erst spät geöffnet. In jedem Fall setzt ein verantwortungsvoller Umgang mit der Vergangenheit die Befunde einer auch zur Selbstkritik bereiten Geschichtswissenschaft voraus, die von politischer Einflussnahme prinzipiell unabhängig ist. Ihre Erkenntnisse beruhen auf quellenbasierter Forschung und stellen sich der kritischen Diskussion. Nur so ist es möglich, die historischen Bedingungen unserer Demokratie auch zukünftig im Bewusstsein zu halten und gegen „alternative Fakten“ zu verteidigen.

Die Resolution ist auch zu finden in unseren Stellungnahmen. / in english

 

Englisch:

Resolution of the Association of German Historians (VHD, Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands) on Current Threats to Democracy

- passed at the association members’ meeting in Münster, 27 September 2018

In Germany as in numerous other countries, excessive attacks on democratic institutions are currently threatening the foundations of the political order. As historians, we feel it is our duty to warn against these threats. Dispute is essential in a pluralistic society, but it must follow certain rules if it is not going to undermine democracy itself.
Historiography as a scholarly discipline has the task of analyzing historical developments in order to contribute to a better understanding of contemporary issues and to explore the complexity of their causes. Given that politics seems to be increasingly driven by the volatility of public opinion polls and ever faster-paced media dynamics, we would like to stress that only thinking in longer-range time periods can guarantee the future of our political system in the long run.
We therefore consider the following basic attitudes for democratic interaction in politics and society essential:

For historically sensitive speech, against discriminatory terms
Political discussion in a democracy involves pointed language that clearly expresses one’s own position but does not deny other people fundamental respect. Today’s derogatory descriptions of politicians as “enemies of the people” or the media as producers of “fake news” employ the same kind of anti-democratic language that was used in the interwar period. We also have many historical examples of the dangerous effects of using disparaging terms to exclude perceived “others” on the basis of their religion, their ethnic background, their gender or their sexual orientation.

For parliamentary democracy and a pluralistic culture of debate, against populism
In pluralistic democracies, public policy is the result of open debates in which a variety of political opinions and social interests are expressed. A unified will of the people that can be discerned by those regarding themselves as “called” is, in contrast, a fiction, used by people in political debates primarily for the purpose of making themselves invulnerable. In the Weimar Republic, the idea of “the people’s will” smoothed the way to power for a movement whose “Führer” saw himself as the incarnation of that will.


For unified European action, against nationalist unilateralism
Given the many violently waged intra-European conflicts of the past, European unification based on a commitment to pluralistic democracy and inalienable human rights is one of the most significant accomplishments of the 20th century. While the legitimacy of individual national interests is undisputed, unilateral nationalist actions threaten this historical achievement. Exclusively national problem-solving strategies cannot meet the political, humanitarian, ecological and economic challenges of the globalized present. Also, in light of colonial violence committed by Europeans in other parts of the world, it is crucial to acknowledge our shared responsibility for the consequences of our policies in regions outside of Europe.

For humanity and the rule of law, against the slander of migrants
Migration is a historical constant. Despite all the problems it entails, on the whole it has benefited societies – including Germany’s. It is therefore important to work toward proactive, pragmatic policies concerning migration and integration that respect both human and international rights. It is essential that the constitutionally guaranteed right to political asylum and the duty to provide help in humanitarian crisis situations be applied in a way that falls to Germany not only because of its economic power but also for historical reasons.

For critical engagement with the past, against the political misuse of history
The Federal Republic of Germany today is a stable democracy. One of the reasons why is that the German people, after considerable resistance at first, now for the most part deal with the history of National Socialism in a self-critical and reflective way. Our own discipline, too, was slow to embrace this process. In any case, a responsible approach to the past has as its prerequisite the findings of historiography, a field that must also be willing to be self-critical and that in principle is independent of political influence. Its information is based on research into historical sources and is open to critical discussion. Only in this way will it be possible to remain mindful of the historical bases of our democracy and defend them against “alternative facts.”