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Titel: 

Nachname: 
Vordermayer

Vorname: 
Thomas

Projekt-, Werk- bzw. Publikationstitel:

Bildungsbürgertum und völkische Ideologie. Konstitution und gesellschaftliche Tiefenwirkung eines völkischen Netzwerkes in den 20er und 30er Jahren

Epoche: 
  • Neuere und Neueste Geschichte

Sachgebiet: 
  • Kulturgeschichte
  • Wissenschaftsgeschichte

Zusammenfassung der Promotion:

Das Dissertationsprojekt widmet sich der Erforschung von Netzwerkstrukturen der Völkischen Bewegung im Verlauf der 20er und 30er Jahre, wobei der Verflechtung ihrer Protagonisten mit bildungsbürgerlichen Bevölkerungsgruppen (insb. Universitätsprofessoren, Lehrer, Theologen, Schriftsteller und Journalisten) das Hauptaugenmerk gilt. Da die Aufhellung dieses von der Forschung bis dato kaum beachteten Gegenstandes unmöglich anhand sämtlicher Protagonisten der völkischen Bewegung erfolgen kann, wird ein exemplarischer Kreis völkisch orientierter Autoren in den Blick genommen, der neben intensiver Kontakte in das Bildungsbürgertum zugleich durch intensiven Austausch untereinander gekennzeichnet war. Der Kreis setzt sich aus Hans Grimm (1875-1959), Erwin Guido Kolbenheyer (1878-1962), Börries von Münchhausen (1874-1945) und Wilhelm Stapel (1882-1954) zusammen. Gemeinsam werden sie als ein völkisches Netzwerk verstanden. Die Aufhellung des inneren Zusammenhalts und gesellschaftlichen Einflusses dieser Personengruppe führt unweigerlich über Nachlässe. Sie lagern im Deutschen Literaturarchiv, Marbach (Grimm, Stapel), sowie im Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar (Münchhausen). Der Nachlass Kolbenheyers befindet sich in den Händen der Kolbenheyer-Gesellschaft in Geretsried bei München. Bei den gewählten Netzwerkakteuren handelt es sich bewusst nicht um Exponenten des radikalen Flügels der völkischen Bewegung. Die Entscheidung, gleichsam gemäßigte Völkische in den Vordergrund zu stellen, ist der Überzeugung geschuldet, dass nicht etwa hetzerisches, zur maß- und geschmacklosen Übertreibung neigendes Ideengut für eine Tiefenwirkung völkischer Ideologieinhalte unter Bildungsbürgern prädestiniert war, sondern ebenjenes Ideengut gerade mittels vergleichsweise gemäßigter Inhalte und subtiler Vortragsweisen in Gesellschaftskreisen diskutabel und anschlussfähig werden konnte, die sich etwa durch den undifferenzierten Extremismus eines Adolf Bartels kaum hätten gewinnen lassen. Zur Klärung der Anschlussfähigkeit völkischer Ideologie unter den Korrespondenzpartnern werden als publizierte Quellen deren selbstständige Publikationen untersucht. Da die exakten Konturen der völkischen Weltanschauung in der Forschung keineswegs unumstritten sind, soll – anstatt alle unter dem Gattungsbegriff Völkisch subsumierbaren Weltanschauungsmerkmale durchzuexerzieren – mit den "konsensfähigen Kernen" (Walter Jung) der völkischen Ideologie gearbeitet werden. Hierunter werden vor dem Hintergrund eines hierarchisierenden Glaubens an die natürliche Ungleichheit der Menschen und Völker zunächst die unter dezidiert sozialdarwinistischen und rassistischen Vorzeichen stehende Überhöhung und Verabsolutierung des "Deutschtums" verstanden. Zugleich wird auf Verklärungen des Landlebens geachtet, mit der Anfeindungen der urban, wissenschaftlich und technologisch geprägten Moderne verbunden sein konnten, jedoch nicht zwingend verbunden sein mussten. Gerade unter Protestanten ist ferner auf Neigungen zu einem von postulierten jüdischen und ultramontanistischen Einflüssen befreiten, gleichsam spezifisch deutschen Christentum zu achten. Als negative Dispositionen muss wiederum (nebst einem obligatorischen Antisemitismus) auf ein umfangreiches Bündel kultureller Ressentiments verwiesen werden, insbesondere dem Republikanismus, Parlamentarismus und Liberalismus, der Aufklärung, Industrialisierung und Frauenbewegung, sowie weiten Teilen der modernen Theater-, Literatur- und Kunstlandschaft gegenüber. Weiterhin gilt es die gesellschaftliche Tiefenwirkung des Netzwerks durch die Erhebung prosopographischer Basisinformationen zu dem biographischen Hintergrund der Korrespondenzpartner sozial und geographisch zu spezifizieren. Lassen sich selbige in ihrer Majorität bestimmten Generationsmodellen zuordnen? Bestätigt sich das bisherige Bild des norddeutsch-protestantischen Raums als dem Haupteinzugsgebiet der Völkischen Bewegung oder transzendierte das Netzwerk konsolidiertes Territorium, gegebenenfalls auch über Staatsgrenzen hinweg? Als weiteren Aspekt der Tiefenwirkung des Netzwerks gilt es Kontakte zu Zeitungen und Verlagen zu untersuchen. In welchem Umfang und in welchen Presseorganen konnten die Netzwerkakteure ihre Publizistik positionieren und inwieweit wurden sie untereinander als Rezensenten tätig? Hinsichtlich des inneren Zusammenhalts der Akteure müssen schließlich die klassischen Untersuchungsgegenstände der Netzwerkanalyse geklärt werden: Unter welchen Umständen und zu welchen Anlässen setzten die Korrespondenzen ein? Welche Faktoren garantierten die Stabilität des einmal konsolidierten Beziehungsgeflechts? Worin lag der konkrete Nutzen der zum Teil jahrzehntelangen Kontakte und was nahmen die Akteure selbst als die Vorteile des Netzes wahr? Wann und aus welchen Ursachen heraus schließlich brach das Netzwerk endgültig – womöglich auch zwischenzeitlich – zusammen? Fiel das Bedürfnis nach gegenseitigem Gedanken- und Informationsaustausch in bestimmten Zeiträumen intensiver aus als in anderen und wenn ja, aus welchen Gründen? Inwieweit lassen sich Formen gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamer Organisation nachweisen, in welchem Maß also barg das Netzwerk soziales Kapital (Bourdieu) in sich? Zudem drängt sich die Frage auf, in welchem Maße eine konstruktive und symbiotische Interaktion der Akteure gelang, inwieweit andererseits persönliche Konflikte das Netzwerk nachhaltig belasteten, was sich in das von Uwe Puschner herausgearbeitete Bild der Völkischen als einer in sich stark zerstrittenen und zu einer Gesamtorganisation langfristig unfähigen Bewegung einfügen würde.

Betreuer/in: 
Prof. Dr. Andreas Wirsching

Universität: 
Universität Augsburg

Eintragsdatum: 
05.01.2011

Jahr (ggf. voraussichtliches) der Veröffentlichung: 
1970

Bemerkung: 


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