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Titel: 

Nachname: 
Zech

Vorname: 
Kristin

Projekt-, Werk- bzw. Publikationstitel:

Politische und gesellschaftliche Partizipationschancen sozialer Gruppen in der spätmittelalterlichen Stadt: Straßburger und Colmarer Zünfte im Wandel (14.-16. Jahrhundert)

Epoche: 
  • Mittelalter/ Frühe Neuzeit

Sachgebiet: 
  • Stadtgeschichte

Zusammenfassung der Promotion:

Das Forschungsprojekt zielt auf eine Analyse der Bedingungen, des Verlaufs sowie der Auswirkungen von Differenzierungsprozessen innerhalb der machttragenden Gruppen in der spätmittelalterlichen Stadt. Hatten Zünfte im Rahmen „innerstädtischer Auseinandersetzungen“ in einigen Städten des Reiches Zugang zur Macht errungen, ging diese politische Partizipationsmöglichkeit im Stadtrat sowie das damit eng verbundene gesteigerte Ansehen im städtischen Sozialgefüge mancherorts für Teile der Handwerke durch verschiedene Formen der Entmachtung wieder verloren. Exemplarisch wendet sich die Arbeit der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage ausgewählter Straßburger Zünfte im Kontext des Ausscheidens oder Ausschlusses einzelner von ihnen aus dem Stadtrat zu. Dabei greift die Untersuchung die Jahre 1462, 1470 und 1482 als zentrale Daten der Straßburger Verfassungsentwicklung in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auf. In drei Etappen wurden mehrere Ratssitze gestrichen: insgesamt acht Zunftsitze und vier Sitze der Constofler. Die betroffenen Zünfte wurden in diesem Zusammenhang als Einheiten aufgelöst und die einzelnen Handwerke den nach 1482 noch bestehenden Zünften zugewiesen. Die Zünfte Straßburgs waren seit 1332 an der Ratsregierung beteiligt und seitdem und bis ins Jahr 1791 als politische wie militärische Einheiten im städtischen Gefüge sichtbar. Diese Einheiten konnten personell de-ckungsgleich mit einer gewerblichen Zunft sein (= Einzelzunft), wie beispielsweise bei den Gärtnern, oder mehrere Gewerbe unter einem Namen vereinen (= Mischzunft), wie beispielsweise bei den Schmieden, bei denen viele kleinere Metallhandwerke wie Kannengießer, Harnischmacher oder Hufschmiede unter einem Handwerksnamen vereint wurden. Schließlich gab es noch Sammelzünfte, bei denen mehrere Handwerke paritätisch einen Ratsherren entsandten, aber in gewerblicher, fiskaler und gerichtlicher Hinsicht eigenständig blieben sowie in der Regel eine eigene Trinkstube unterhielten und Zunftbanner, Zunftsiegel und eigene Kerzen besaßen. Dies war bei-spielsweise bei Badern und Scherern der Fall. Beide waren durch ihren Status in der politischen Sammelzunft als eigenständige Gruppen nach außen hin sichtbar. Diese gesellschaftliche Sichtbarkeit der Zünfte sowie der politi-sche Einfluss, die sich in mannigfacher Weise manifestierten , gingen durch den Ratsausschluss und die Auflösung der acht Zünfte für die betroffenen Handwerke zumindest teilweise verloren. Mit dieser durch die verlorene Eigenständigkeit und den Verlust bzw. die Einschränkung politischer wie gesellschaftlicher Partizipationsmöglichkeiten ausgelösten ‚Identitätskrise‘ mussten diese Handwerke als Gruppen umgehen und ihre politische wie gesellschaftliche Teilhabe innerhalb ihrer Möglichkeiten neu aushandeln und definieren. Von Relevanz für das Forschungsprojekt ist daher weniger die Verfassungsentwicklung in Straßburg als solche, sondern die Frage nach gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Differenzierungsprozessen innerhalb der – zumindest nominell – machttragenden Gruppen der spätmittelalterlichen Stadt zwischen 1332 und circa 1550 sowie deren Auswirkungen auf politische und gesellschaftliche Teilhabechancen sozialer Gruppen. Die Arbeit ist damit an den Schnittstellen zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit angesiedelt und berührt die Politik-, die Wirtschafts- sowie die Sozial- und Kulturgeschichte. Folgende Fragen sollen im Zentrum des Dissertationsprojektes stehen: 1) Welche Entwicklungen innerhalb der städtischen Politik, der Gesellschaft und unter den Ratsmitgliedern führten zu Einschränkung und Verlust von politischer Partizipation? 2) Welchen Anteil hatten die einzelnen betroffenen Zünfte am Machtverlust aufgrund ihrer inneren Struktur (beispielsweise die Personaldecke oder die in der Zunft zusammengeschlossenen Handwerke), der ökonomischen Lage ihres Handwerks (beispielsweise Absatzmärkte, technische Innovationen oder Teuerungen), ihrer Attraktivität im Sozialgefüge der Stadt (Phänomene der Doppel- oder Fremdzünftigkeit, Aspekt der Ehrlichkeit eines Handwerks u.v.m.) oder ihrer (teilweise aus den vorherigen Kriterien bedingten) militärischen und politischen Zuverlässigkeit für die Stadt? Gab es möglicherweise sogar den Willen zum oder den aus einer Notlage heraus notwendig erscheinenden freiwilligen Verzicht auf die zünftische Eigenständigkeit, die die hohen Belastungen der militärischen Einsatzbereitschaft sowie der Stellung eines geeigneten Ratsherren mit sich brachte? 3) Wie organisierten sich die Handwerke nach ihrem Ausscheiden aus dem Stadtrat, der gleichzeitig eine Auflösung der bis dahin eigenständigen Zunft bedeutete, neu? Wie kompensierten sie die fehlende oder mindestens beschnittene politische Teilhabe und ihre damit einhergehende maßgeblich eingeschränkte gesellschaftliche Sichtbarkeit? Hierbei zielt die Untersuchung besonders auf Repräsentationsformen in der Stadt, bei denen die Zünfte in der Öffentlichkeit oder in halböffentlicher Manier sichtbar wurden: Durch Trinkstuben, Banner im Kriegs-, Verteidigungs- und Katastrophenfall, die zünftische Siegelfähigkeit, die Zunftgerichtsbarkeit sowie die Teilnahme der Gruppen an den städtischen Prozessionen oder bei den jährlichen Schwörtagen. Dazu soll auch die materielle Kultur der Zünfte anhand der erhaltenen Zunftaltertümer in den Straßburger Museen unter dieser Fragestellung untersucht werden. Außerdem nimmt das Projekt eventuell bestehende Bruderschaften der Handwerke in Bezug auf mögliche Veränderungen im Gefolge der Auflösung der politischen Zunft in den Blick. 4) Welche Veränderungen erfuhr das politische und gesellschaftliche Leben der Stadt durch die Reduktion der Ratssitze? Gibt es beispielsweise erkennbare Veränderungen in der Arbeitsweise des Rates zwischen 1482 und 1550? 5) Schließlich wird die Arbeit sich auch der Problematik der Zusammenarbeit mit denjenigen Zünften an-nehmen, auf deren Stuben und in deren politischen wie militärischen Verband die aufgelösten Zünfte (zwangsweise?) nach 1482 integriert wurden. Wie gingen ‚die Neuen‘ mit dem Verlust von Identität in ihren neuen Gemeinschaften um? Wie nahmen ‚die Alten‘ die Hinzugestoßenen in ihrem Kreis auf? In der Untersuchung geht es folglich um eine Näherbestimmung politischer und sozioökonomischer Differenzierungsprozesse in der spätmittelalterlichen Stadt im Übergang zur Frühen Neuzeit und den damit verbundenen Wandel in Bezug auf politische und gesellschaftliche Teilhabechancen bestimmter sozialer Gruppen. Dabei sollen Mechanismen der politischen Verdrängung offen gelegt sowie ein vertiefter Blick auf den Umgang sozialer Gruppen in der spätmittelalterlichen Stadt mit den Prozessen des Machtverlusts, der gesellschaftlichen Repräsentationseinschränkung und der damit verbunden (krisenhaften?) Identitätsneubestimmung gewagt werden. Straßburg bietet sich exemplarisch für eine solche Untersuchung aus mannigfachen Gründen an: Neben ihrer Bedeutung als Wirtschaftszentrum am Oberrhein, ihrer Bevölkerungszahl und ihrem Status als Freie Stadt bestand in Straßburg ab dem Jahr 1332 – ausgelöst durch städtische Unruhen (geschölle) – eine Verfassungssituation, die zumindest im 14. Jahrhundert für eine paritätische Entsendung von zünftischen und patrizischen Ratsherren sorgte. Das 15. Jahrhundert schließlich brachte die Übermacht der Zünfte. Aus ihren Kreisen stammten spätestens zu dieser Zeit die wichtigsten Machtträger der Stadt. Gerade in diesem Kontext ist es außerordentlich spannend, zu hinterfragen, warum dennoch von 28 Zünften acht am Ende des 15. Jahrhunderts ihre Eigenständigkeit und ihre politische Partizipationsmöglichkeit verloren – und zwar schon deshalb, weil dieser Prozess in anderen Städten so nur teilweise durchgeführt wurde beziehungsweise sichtbar ist. Oft kam es andernorts, wie in Straßburg in einem ersten Schritt auch, ‚nur‘ zur Bildung von Ausschüssen im Stadtrat, die sich beispielsweise mit den Ressorts ‚Außenpolitik‘‚ ‚Innenpolitik‘ oder mit Verfassungsfragen beschäftigten. Über die gezielte Nicht-Wahl bestimmter Zünfte in diese Ausschüsse ereignete sich vielerorts bereits die Einschränkung der politischen Teilhabe dieser Gruppen. Doch erst der Extremfall des Ausschlusses aus dem Rat sowie der Auflösung der betroffenen Zünfte – wie in Straßburg – verspricht (zusätzlich) die interessanten Fragen nach dem Warum und Wie der Schmälerung und des Verlusts politischer Partizipation und der damit einhergehenden gesellschaftlichen (Un-)Sichtbarkeit umfassend zu beantworten. Vergleichend wird die Reduktion der Zünfte in Colmar (1521) von 20 auf 10 Zünfte untersucht.

Betreuer/in: 
Prof. Dr. Gerrit J. Schenk

Universität: 
TU Darmstadt

Eintragsdatum: 
13.03.2017

Jahr (ggf. voraussichtliches) der Veröffentlichung: 
2019

Bemerkung: 


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