Mitteilungen aus dem Verband

Stellungnahme: VHD kritisiert Verfälschung historischer Fakten in Online-Medienangeboten von ARD/ZDF

[Stellungnahme als PDF] Das von ARD und ZDF getragene Online-Mediennetzwerk „Funk“ hat am 9....

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Aktuelles aus der Geschichtswissenschaft

Stipendien: IEG-Stipendien für Doktorand:innen / IEG Fellowships for Doctoral Students

Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) Mainz schreibt Stipendien für Doktorand:innen...

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Titel: 

Nachname: 
Schürmer

Vorname: 
Anna

Projekt-, Werk- bzw. Publikationstitel:

Klingende Ereignisse: Skandal & Neue Musik

Epoche: 
  • Zeitgeschichte

Sachgebiet: 
  • Kulturgeschichte

Zusammenfassung der Promotion:

Die Musikgeschichte ist auch eine Geschichte ihrer Skandale. Ob Entblößungen, Verdrängungen oder Konversionen jedweder Art - der Eklat lauert, wo Grenzen des guten Tons und der Moral überschritten, wo gesellschaftliche und/oder ästhetische Normen angegriffen werden. Dabei präsentiert sich insbesondere die musikalische Moderne als Epoche radikaler Provokationen, aufmerksamkeitserregender Inszenierungen und eklatanter Brüche. Mit der radikalen Emanzipation der Dissonanz und der Einführung der Atonalen Musik in die Konzertsäle wie in die Hörgänge des Publikums leiteten Gründerväter der Neuen Musik wie Arnold Schönberg und Igor Strawinsky die Moderne mit skandalumwitterten Uraufführungen ein. Waren diese Premierenskandale überwiegend ästhetisch grundiert, erfuhr die Musik durch den Zusammenbruch auch eines kulturellen Wertesystems infolge zweier Weltkriege weitere Eklatanz. Dabei führte die ‚Negation der Vergangenheit‘ zu einer postmodernen Pluralisierung und Spaltung der musikalischen Avantgarde in ein serialistisches (Pierre Boulez u.a.), ein experimentelles (John Cage, Karlheinz Stockhausen u.a.) und ein politisches (Hans Werner Henze, Luigi Nono u.a.) Lager. Medientechnische Entwicklungen bereiteten und beeinflussten ästhetische Innovationen und Brüche dabei ebenso wie der politische Zeitgeist und gesellschaftliche Entwicklungen. Die rhizomatische Auffächerung der Neuen Musik war und ist begleitet von radikalen ästhetischen Brüchen und paradigmatischen Wechseln, inszenierten und provozierten, gewollten und verhinderten Skandalen. Diese sind klingenden Ereignisse, und das in mindestens doppelter Hinsicht: So die musikalischen Aufführungen in punkto auf ihre Zeit- und Räumlichkeit, immer einzigartig und der technischen Reproduzierbarkeit zum Trotz nicht wiederholbar. Und Ereignisse, die dem Regulärem oder der Struktur an Aktualität und Einmaligkeit gegenüberstehen, sind auch die ästhetisch und/oder gesellschaftlich provozierten Skandale. Die öffentliche Emotionen hervorrufenden Ecláts sind mehr noch: Medienereignisse, die qua definitionem neben einer schnellen Verbreitung einer großen Reichweite der Informationsübertragung bedürfen und deren Ereignishaftigkeit unmittelbar mit der (massen-) medialen Vermittlung und kommunikativen (Re-)Produktion zusammen hängt. Dabei ist es kein Zufall, dass auch klingende Skandale die Entwicklung der Presse zum Massenmedium begleiten und dokumentieren, anders gesprochen, dass Skandale nicht nur auf scheinbar neutral übermittelte Medieninhalte und einzelne gesellschaftliche Konstellationen zurückzuführen sind, sondern auch auf die Veränderung der Medienkanäle, ihrer Techniken und den damit einhergehenden Gebrauchsweisen und Entschlüsselungen. Die Beschleunigung der Informationsübermittlung lässt sich dabei an der Verbreitung des Rundfunks in den 1920er, des Fernsehens in den 1960er Jahren und dem rasanten Aufstieg des Boulevard-Journalismus und der damit zusammenhängenden Tendenz zur auflagenträchtigen Schlagzeile ablesen. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist grundsätzlich konstituierendes Merkmal der klingenden Skandale, auch mit Blick auf eine ‚Ökonomie der Aufmerksamkeit‘, denn: Die Empörung infolge eines Skandals sorgt für eine Aufmerksamkeit, die kein noch so gelungener künstlerischer Ausdruck garantieren kann. Am unerfreulichsten ist oft der Kunstskandal, - der ausbleibt. Ist das Ereignis Musikskandal aber vorprogrammiert und vorhersehbar, verflacht es in der Retextualisierung durch die Medien unvermeidlich zum Spektakel, zum Nicht-Ereignis. Mediales Ereignis ist die Neue Musik schließlich auch in ästhetischer Hinsicht. Insbesondere im Zeitalter der technischen Dispositive weist Musik – als Medium gedacht – vielfältige (inter-) mediale Bezüge auf, die vom multimedialen Einsatz und Inszenierungen bis hin zu Medientechniken im künstlerischen Konflikt zwischen Mensch und Maschine, Kunst und Technik reichen, die nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der zeitbedingten Veränderung der Medienkanäle stehen. Musikalische Skandale provozieren und polarisieren. Sie sind Träger von kollektiven wie individuellen Emotionen. Dabei sind weder die Anstoß erregenden Ereignisse selbst noch die von ihnen provozierten Gefühle anthropologische Konstanten, sondern historische Phänomene. Von sozial verankerten Codes abhängig und in Diskurse eingebettet, spiegeln sie den Wandel kultureller und ästhetischer, aber auch gesellschaftlicher und politischer Zustände. Musikskandale sind ästhetisch provozierte, medial inszenierte und gesellschaftlich verhandelte Ereignisse; lesbar als Geschichte sich verändernder ästhetischer und gesellschaftlicher Normen und Emotionen. Methodisch angesiedelt an der Schnittstelle von Geschichts- und Musikwissenschaft sowie orientiert an kulturwissenschaftlichen Theorien zur Medialität und Emotionalität von Geschichte und Musik sowie zu Ereignissen, Inszenierungen und Ritualen, wird in der Dissertation eine Kulturgeschichte musikalischer Skandale als ‚Klingende Ereignisse‘ der musikalischen Moderne geschrieben. Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses steht dabei die Verschränkung gesellschaftlicher und ästhetischer, performativer und (inter-) medialer Faktoren im Musikskandal. Dabei sind insbesondere Impulse für eine politische und mediale Kultur- und Musikgeschichte, für die gegenwärtige Konjunktur der historischen Skandal- und Emotionsforschung sowie für eine kulturwissenschaftlich orientierte Musikgeschichtsschreibung zu erwarten.

Betreuer/in: 
Prof. Dr. Frank Bösch

Universität: 
Justus-Liebig-Universität Giessen

Eintragsdatum: 
20.12.2011

Jahr (ggf. voraussichtliches) der Veröffentlichung: 
1970

Bemerkung: 
Das Projekt ist interdisziplinär an der Schnittstelle von Geschichts-, Musik- und Medienwissenschaften angesiedelt. Das Dissertationsprojekt wird seit 2011 mit einem DFG-Stipendium am Graduiertenkolleg "Transnationale Medienereignisse" der Justis-Liebig-Universität Giessen bearbeitet.


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