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Rückblick auf die Diskussionsreihe "Racism in History and Context"

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Nachruf auf Michael Stolleis

Michael Stolleis (20.7.1941-18.3.2021) Ein Nachruf auf Michael Stolleis, den Juristen, den...

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Titel: 
Dr.

Nachname: 
Buggeln

Vorname: 
Marc

Projekt-, Werk- bzw. Publikationstitel:

Arbeit & Gewalt. Das Außenlagersystem des KZ Neuengamme

Epoche: 
  • Zeitgeschichte

Sachgebiet: 
  • Sozialgeschichte

Zusammenfassung der Promotion:

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Häftlinge in den Außenlagern des KZ Neuengamme. Die ersten Außenlager von Neuengamme entstanden 1941/42, von einer flächendeckenden Ausbreitung über ganz Norddeutschland kann jedoch erst ab 1944 die Rede sein. Zu diesem Zeitpunkt versiegte der Nachschub an zivilen Zwangsarbeitern sukzessive und die Arbeitskraft der KZ-Häftlinge bildete eine der letzten verfügbaren Reserven für die deutsche Kriegswirtschaft. Aus diesem Grund befanden sich ab 1944 Außenlager des KZ Neuengamme bei fast allen rüstungswichtigen Projekten in Norddeutschland. Insgesamt existierten 86 Außenlager des KZ Neuengamme, in denen sich Ende 1944 etwa 40.000 Häftlinge befanden. Die Außenlager waren Orte der Sklavenarbeit und Orte des Sterbens. Den Ausgangspunkt der Arbeit bildete die Erkenntnis, dass sich die Chancen des Überlebens für die Häftlinge in den Außenlagern des KZ Neuengamme erheblich unterschieden. In einigen Lagern starben insgesamt fast 50% der Häftlinge, in anderen nur wenige oder sogar gar keine Häftlinge. Bisherige Studien legen nahe, dass hierfür vor allem die Art der Arbeit, welche die Häftlinge zu verrichten hatten sowie die Zusammensetzung der Häftlingsgesellschaft, d.h. die NS-Rassenhierarchie von zentraler Bedeutung war. Das ursprüngliche Ziel lag darin, anhand einiger weniger zentraler Faktoren eine Typologie zu den Überlebenschancen in den Außenlagern zu entwickeln. Umso länger ich jedoch forschte, desto deutlicher zeigte sich, dass die Situation in den Außenlagern deutlich komplexer war und eine Bildung von Typen nicht sinnvoll erschien. Das ursprüngliche Design der Arbeit war zunächst stark von strukturgeschichtlichen Herangehensweisen geprägt und hat der Agency der handelnden Personen eine vergleichsweise geringe Bedeutung zugeschrieben. Es zeigte sich jedoch, dass innerhalb des KZ-Systems für die Akteure, natürlich insbesondere für die Täter, erhebliche Handlungsoptionen bestanden, die von den Strukturen des Systems und der jeweiligen Position beeinflusst waren. Um dieses Verhältnis theoretisch und methodisch bearbeiten zu können, habe ich mich auf die Arbeiten von Pierre Bourdieu bezogen. Insbesondere das Konzept des Habitus sowie sein praxeologischer Ansatz scheinen mir dafür besonders geeignet. Sie ermöglichen es, die Verschränkungen von Strukturbedingungen und Handlungsoptionen in den Blick zu nehmen. Insgesamt nutzt die Arbeit jedoch nicht ausschließlich Theorien und Methoden von Bourdieu, sondern auch geschlechter-, gewalt- und körpersoziologische wie -anthroplogische Ansätze, so dass die Arbeit multiperspektivische theoretische Bezüge herstellt. Neben diesen theoriegeleiteten Ansatz liegt ein weiter Gewinn der Studie im vergleichenden Zugriff. Der Großteil der bisherigen KZ-Forschung beruht auf der Analyse jeweils eines Lagers, bei der zur Unterstützung mitunter auch auf Ergebnisse aus anderen Lagern zurückgegriffen wird, allerdings zumeist nur auf Einzelaspekte ohne systematisch über Vergleichsebenen zu reflektieren. Da die Arbeit von Anfang an auf den Vergleich angelegt war, wurden Vergleichsmaßstäbe entwickelt und die herausgearbeiteten Differenzen analytisch in Beziehung zueinander gestellt. Dadurch entgeht die Analyse der Gefahr, ein abstraktes, allgemeines Grauen ohne Unterschied zu beschreiben. Es ging mir insbesondere darum, die graduellen Unterschiede des Grauens darzustellen, die auch in den Häftlingsberichten eine wichtige Rolle spielen und gleichzeitig dabei nicht zu übersehen, dass sich für die Häftlinge aller Lager die Situationen als Hölle darstellten. In fast allen Außenlagern war die Mehrzahl der Häftlinge bei Kriegsende stark ausgehungert und traumatisiert. Die zentralen Ergebnisse der Arbeit finden sich vor allen in den Kapiteln 4-6. Im vierten Kapitel werden in einer bisher nicht vorliegenden, systematischen Weise die KZ-Außenlager verglichen und die Bedeutung verschiedener Faktoren für die Überlebenschancen von KZ-Häftlingen bewertet. Als zentraler Maßstab dienten die Sterblichkeitsraten in den Außenlagern, die ein Ergebnis der Auswertung des elektronischen Totenbuchs der KZ-Gedenkstätte Neuengamme sind. Anhand der Sterblichkeitsraten konnten zentrale Annahmen der bisherigen KZ-Forschung widerlegt, beziehungsweise ihre mitunter behauptete generelle Gültigkeit erheblich eingeschränkt werden. So konnte für die Außenlager des KZ Neuengamme nachgewiesen werden, dass die bisher angenommene große Differenz hinsichtlich der Überlebenschancen in Bau- und Produktionslagern nicht bestand. Andererseits existierten große Differenzen zwischen verschiedenen Arten von Bauaußenlagern: So war die Sterblichkeit in Schanzarbeits- und Trümmerbeseitungsaußenlagern sehr hoch, während sie in den Hochbau- und den Untertagebauaußenlagern vergleichsweise gering waren. Des Weiteren konnten die Analysen zeigen, dass die These, dass die Stellung der Häftlinge innerhalb der NS-Rassen- und Wertehierarchie zentral für ihre Überlebenschancen waren, nur bedingt zutrifft. So nimmt die bisherige KZ-Forschung mehrheitlich an, dass die Sterblichkeit der osteuropäischen Häftlinge deutlich höher lag als die der westeuropäischen Häftlinge. Im Fall der Außenlager des KZ Neuengamme war jedoch die Sterblichkeit der westeuropäischen Häftlinge deutlich höher. Drei wichtige Gründe lassen sich benennen: Erstens kamen sowjetische und polnische Häftlinge häufig früher als die westeuropäischen Häftlinge in die Außenlager. Sie konnten dadurch dort oft die unteren Funktionsposten besetzen. Zweitens waren die osteuropäischen Häftlinge und insbesondere die sowjetischen Häftlinge anders an Hunger gewöhnt als westeuropäische Häftlinge. Sie waren dadurch bereit notfalls auch Insekten, Baumrinden etc. zu essen, während westeuropäische Häftlinge sich anfangs mitunter sogar weigerten, das KZ-Essen zu sich zu nehmen. Drittens befanden sich kaum Angehörige des Bürgertums unter den sowjetischen Häftlingen, sondern fast ausschließlich Menschen, die harte körperliche Arbeit gewohnt waren. Unter den westeuropäischen Häftlingen fanden sich hingegen viele Intellektuelle und Angestellte. Zudem wird in der KZ-Forschung generell angenommen, dass die Sterblichkeit jüdischer Häftlinge in allen Lagern besonders hoch war. Für die Außenlager des KZ Neuengamme erweist sich die Aussage für männliche jüdische Häftlinge als zutreffend. Weibliche jüdische Häftlinge hatten hingegen eine vergleichsweise gute Überlebenschance in den Außenlagern. Es konnte insgesamt festgestellt werden, dass die Überlebenschancen weiblicher Häftlinge sehr viel größer waren als die der männlichen Häftlinge. Vier wichtige Gründe können hierfür angeführt werden: Erstens, die Außenlager mit männlichen Häftlingen wurden mit mehr Personal bewacht. Zweitens, die SS und Bewachungsmannschaften gingen mit brutalerer Gewalt gegen männliche Häftlinge vor. Drittens gelang es den weiblichen Häftlingen leichter, gute Kontakte zu deutschen Zivilarbeitern sowie ausländischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zu knüpfen, die ihnen Lebensmittel oder Tauschware zusteckten. Und viertens handelten die weiblichen Häftlinge solidarischer untereinander. Ein Grund hierfür lag darin, dass die SS relativ homogene Frauengruppen im Gegensatz zu ihrem Vorgehen bei männlichen Häftlingen nicht voneinander trennte. Ein zentraler Wert für die zukünftige Forschung liegt darin, dass hier ein Modell des Vergleichs von Außenlagern entwickelt wurde, das in weitgehend ähnlicher Form auf die Außenlagersysteme weiterer Hauptlager übertragen werden kann. Meiner Ansicht nach ist das Modell auch für Vergleiche mit anderen Sklavenarbeitssysteme, wie beispielsweise dem Gulag, geeignet. Hinsichtlich der Frage der Übertragbarkeit der zentralen Ergebnisse auf andere Außenlagerkomplexe verstehe ich die Arbeit als ein Plädoyer dafür, dass die aus einer Studie am konkreten Forschungsobjekt gewonnenen Erkenntnisse nur bedingt verallgemeinerbar sind. So vermute ich, dass in den meisten anderen Komplexen für die Überlebenschancen der Häftlinge eine stärkere Differenz zwischen Bau- und Produktionsaußenlagern existierte, als im Fall des KZ Neuengamme. Ein Hauptgrund hierfür liegt darin, dass in Neuengamme kein großes Bauaußenlager mit weit mehr als dreitausend Häftlingen existierte, während diese in anderen Komplexen erhebliche Bedeutung hatten und dort häufig eine extrem hohe Sterblichkeit vorherrschte. Im fünften Kapitel geht es um Gewalttaten und Täter. Dabei wird zuerst eine Analyse der Anlässe der Gewalttaten vorgenommen. In den Außenlagern bildete die Abpressung der Arbeitsleistung einen besonders wichtigen und dauerhaften Anlass zur Gewalt. In diesen Fällen war der Gewaltanlass stark durch instrumentelle Interessen geprägt. Sie hatte einen systemimmanenten Sinn und Zweck, der über eine etwaige Befriedigung des Täters bei der Ausübung von Gewalt hinausging. Dieses Ergebnis steht gegen eine Tendenz innerhalb der neueren Gewaltforschung, in der Gewalt häufig für sich steht, mitunter entkontextualisiert und insbesondere der instrumentelle Charakter von Gewalt als gering eingeschätzt wird. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass Jan Philipp Reemtsma in seiner Phänomenologie der Gewalt den Gewalteinsatz zur Erzwingung von Arbeitsleistung gänzlich ausgeblendet hat. In der Arbeit wird jedoch keine vollständige Gegenposition eingenommen: Auch in den Außenlagern gab es ein erhebliches Ausmaß an nicht-instrumenteller Gewalt, die nur auf das Ziel der Verletzung des Opfers und der Machtsteigerung und Befriedigung der Täter gerichtet war. Allerdings - und dies wird in meiner Arbeit klar herausgearbeitet - gab es eben auch eine auf die Arbeitserzwingung gerichtete zweckgebundene Gewaltanwendung, die erhebliche Übereinstimmungen mit dem Einsatz von Gewalt bei anderen historischen Formen der Sklavenarbeit besitzt. Nach der Analyse der Gewaltanlässe folgt eine genaue Beschreibung der Gewalttaten selbst. Die Ergebnisse zeigen, dass in den Frauen-Außenlagern die häufigste Form der spontanen Strafe die Ohrfeige war, während in den Männer-Außenlagern der Faustschlag dominierte. Die Ohrfeige war dabei in Deutschland seit langem das Mittel des Patriarchen Nicht-Gleichrangige wie Frauen, Kinder und Diener zu maßregeln. Die Unterschiede in der Strafpraxis zwischen den Geschlechtern resultieren somit auch aus dem männlichen Normverhalten der Wachmannschaften. Des Weiteren zeigte sich, dass mit dem Einsetzen der Sklavenarbeit die Peitsche zum wichtigsten Instrument der offiziellen Regelstrafe im KZ wurde und damit das vielleicht bedeutendste Symbol der Sklaverei zur Anwendung in Deutschland im 20. Jahrhundert kam. Insgesamt zeigt meine Analyse, dass die Gewalt im KZ nicht besonders neu oder auch modern war und es sich zudem nur bedingt um eine moderne Gewaltsynthese handelte, wie etwa Enzo Traverso vermutet. Im KZ wurde im Wesentlichen auf alte Gewalttraditionen zurückgegriffen von denen viele, aber nicht alle (z.B. die Ohrfeige), in Deutschland mit der zunehmenden Durchsetzung eines bürgerlichen Staates abgeschafft worden waren. Auch für eine Geschichte der Folter hat das KZ-System insgesamt wenig Modernes an sich. Die zentralen, neuen Entwicklungen in den Foltertechniken entstanden erst ab den 60er Jahren und waren stärker individualisiert, während es sich beim KZ um Massenterror handelte, der auf ältere Foltertechniken zurückgriff. Der umfassendste Abschnitt des Kapitels handelt von den Tätern in den Außenlagern. Dabei zeigt sich, dass die Täter in den Außenlagern aus vielfältigen, unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft zusammengesetzt waren. SS-Angehörige mit langjähriger KZ-Erfahrung stellten nur noch einen prozentual geringen Teil des Verwaltungs- und Bewachungspersonals in den Außenlagern. Allein durch diesen Befund wurde deutlich, dass es nicht einen Tätertypen gab und es sich kaum um den „Abschaum aller Klassen“ handelte, wie Eugen Kogon die KZ-Wachmannschaften umschrieb. Diese Erkenntnis von der Vielfalt der Tätertypen insgesamt und auch der KZ-Täter hat sich erst in jüngster Zeit in der Forschung durchgesetzt. Anregend für die Diskussion war der Versuch der Charakterisierung verschiedener Tätertypen durch Gerhard Paul und Klaus-Michael Mallmann. Allerdings folgt ihre Typologie mit Typen wie Exzesstätern, Schreibtischtätern und Weltanschauungstätern sehr stark den juristischen Kriterien und bezieht sich vor allem auf die individuelle Tatmotivation. Meine Studie zeigt, dass es mitunter sinnvoller ist zuerst das jeweilige Aufgabenfeld der Täter zu beschreiben und dann verschiedene Personen mit gleichem Tätigkeitsfeld in der Wahl ihrer Handlungsoptionen zu vergleichen. Dabei kam heraus, dass z.B. einige Männer, die als Rapportführer besonders brutal agierten, sich als Kommandanten aus Sicht der Häftlinge ganz anders verhielten, so dass ein Exzesstäter im Rahmen eines anderen Aufgabenbereichs gleichzeitig auch Weltanschauungs- und/oder Schreibtischtäter sein konnte. Es gab jedoch auch bei gleicher Aufgabenstellung extrem unterschiedliches Verhalten, wodurch die großen Handlungsoptionen der Täter erkennbar werden. Unter den Lagerführern der Außenlager verzichtete beispielsweise der gebildete Kaufmannssohn Poppenhagen darauf, eigenhändig Häftlinge zu schlagen und sprach Gebildetere unter den Häftlingen in einer Form an, dass sie sich als menschliche Wesen fühlen konnten. Gleichzeitig war er ein begeisterter Nazi und bereit alle Menschen, die sich der Ideologie des NS entgegenstellten, zu töten. Die Gewalt im Lager überließ er aber seinem Rapportführer. Lagerführer Griem war hingegen ein Vertreter der alten SS und ein alkoholsüchtiger Schläger. Obwohl er eigentlich Verwaltungsaufgaben zu erledigen hatte, übernahm er immer wieder den Rapport, um bei dieser Gelegenheit Häftlinge zu schlagen oder gar zu erschießen. In einem Frauenaußenlager untersagte Lagerführer Hille hingegen Gewalt gegen die Frauen und versuchte dies auch durchzusetzen. Insgesamt gab es in den Außenlagern eine Vielzahl von Anlässen, um zu schlagen oder Gewalt einzusetzen. Doch für den Täter blieben immer Handlungsoptionen offen, die es ihm erlaubten zu entscheiden, ob er die Situation zur Gewaltausübung nutzte oder nicht. Das Kapitel analysiert nicht nur das Verhalten reichsdeutscher SS-Männer in Leitungspositionen, sondern auch das Verhalten der „einfachen“ KZ-Wachmänner und -frauen. Zudem werden die verschiedenen Rekrutierungswege von Soldaten, Finanzbeamten, sogenannte Volksdeutschen, ausländischen SS-Angehörigen und weiblichem Bewachungspersonal beschrieben und anhand individueller Biografien herausgearbeitet. Der besondere Gewinn des Kapitels für die weitere Forschung ist, dass auch hier ein Vergleichsraster entwickelt wird, anhand dessen Unterschiede und Ähnlichkeiten im Rahmen von Studien zu anderen KZ-Komplexen gut herausgearbeitet werden können. Im sechsten Kapitel untersuche ich die Häftlingszwangsgesellschaft. Der besondere Gewinn liegt in einer vergleichenden Untersuchung der Bedeutung der Geschlechterdifferenz in den Außenlagern und der Darstellung von acht Häftlingsbiographien, die mit dem Rest der Arbeit verknüpft werden. Das Kapitel untersucht das potentiell unterschiedliche Verhalten weiblicher und männlicher Häftlinge sowie das unterschiedliche Verhalten der Bewacher gegenüber Frauen und Männern auf einer breiten, vergleichenden empirischen Basis. Dabei zeigte sich, dass anthropologische Verhaltenskonstanten oder biologische Differenzen für die unterschiedlichen Überlebenschancen kaum eine Bedeutung hatten, sondern eher soziale Geschlechterkonstruktionen sowie daraus resultierende differente erlernte Praxen. Generell ist festzuhalten, dass in den Neuengammer Außenlagern die Gewalt weiblicher Häftlinge untereinander und vor allem auch durch weibliche Funktionshäftlinge deutlich geringer war als bei männlichen Häftlingen. Der kontrastive Vergleich mit anderen KZs zeigt, dass dieses nicht auf eine anthropologische Verhaltenskonstante zurückzuführen ist, sondern sich beispielsweise unter den katastrophalen Bedingungen in den Frauen-Hauptlagern in Ravensbrück und Auschwitz deutlich veränderte. Die besseren Überlebenschancen für Frauen im Außenlagersystem des KZ Neuengamme gegenüber den männlichen Häftlingen resultierten vor allem aus den strukturellen Vorteilen, wie geringere Bewachung und weniger Gewalt auch von den Bewachern. Sie sind durch den männlichen Blick der Bewacher auf die weiblichen Häftlinge mitbedingt. Zudem ist zu betonen, dass weibliche Sozialistionserfahrungen und daraus resultierende Praxen der Fürsorge für andere es den Frauen mitunter ermöglichten, die bestehenden strukturellen Vorteile besser zu ihren Gunsten zu nutzen. Zum Abschluss des Kapitels stelle ich acht biografische Skizzen vor, die versuchen eine Verbindung zwischen den strukturellen Analysen und der individuellen Dimension des Leidens herzustellen. Ich folge darin vor allem Saul Friedländer, der darauf hingewiesen hat, dass der biografische Zugang der Einzige ist, der die Chance in sich birgt, der versuchten Zerstörung des Individuums zu begegnen. Ich meine, dass die biografischen Skizzen der Häftlinge mit dem strukturell argumentierenden Teil des Kapitels in einer produktiven Wechselbeziehung stehen. Zum einen wird dargestellt, dass das Leid im KZ trotz des beständigen Daseins in einer großen Zwangsmasse von Menschen immer an erster Stelle ein individuelles Leid einer konkreten Person blieb. Zum anderen werden aber auch den strukturellen Erklärungen weitere Dimensionen hinzugefügt, indem z.B. die verschiedenen Handlungsoptionen von Häftlingen aufscheinen.

Betreuer/in: 
Prof. Dr. Inge Marszolek

Universität: 
Bremen

Eintragsdatum: 
24.09.2012

Jahr (ggf. voraussichtliches) der Veröffentlichung: 
2009

Bemerkung: 


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