VHD Journal #12
„Macht“ und „Machtmissbrauch“ sind derzeit in aller Munde. Nicht zuletzt unsere Umfrage zu Machtmissbrauch in der Geschichtswissenschaft Anfang des Jahres hat die Relevanz dieser Problemlagen auch in unserer Disziplin bestätigt. Ausschuss und Vorstand des VHD haben Empfehlungen verabschiedet, die dazu beitragen sollen, Machtmissbrauch in geschichtswissenschaftlicher Lehre und Forschung zu verhindern bzw. ihn wirksamer einzugrenzen.
In der internationalen Politik erleben wir aktuell die Rückkehr zu Krieg, Wirtschaftsprotektionismus und Gewaltandrohung zur Durchsetzung eigener Ziele. Machtpolitik steht hoch im Kurs, die Zeiten friedlicher Koexistenz und internationaler Zusammenarbeit scheinen vorbei. Die gewachsene Sensibilität für die vielfältigen Formen machtgestützter Interaktionen in unseren westlichen Gesellschaften sieht sich konfrontiert mit den brutalen Folgen kriegerischer Gewalt. Staatsbeziehungen sind zunehmend geprägt von zynischer Erpressung dank überlegener militärischer und/oder wirtschaftlicher Ressourcen. Die Anbeter:innen von Machtäußerungen dieser Art und der Sprache der Gewalt haben häufig nur noch Spott übrig für Kritiker:innen von Machtpolitik und für die Verteidiger:innen von Menschenrechten und internationalen Verträgen. Gerade die Fortschritte der europäischen Gesellschaften in der Eindämmung gewaltsamer Formen der Machtausübung werden in der Gegenwart wieder als fragile Ergebnisse einmaliger kontingenter historischer Entwicklungen erkennbar. Damit steigt auch der Bedarf in Gesellschaft und Politik, machtbasierte Antworten auf die Gefährdungen dieser Freiheit, auf Alltagsgewalt und unkontrollierte Macht jenseits von Recht und sozialer Ordnung zu finden.
Vor diesem aktuellen Hintergrund diskutiert der 55. Historikertag in seinen Sektionen und in besonderen Foren zu TopThemen Dynamiken der Macht. In der Geschichtswissenschaft zählt Macht seit jeher zu den wichtigsten Analysekategorien. Historische Untersuchungen beleuchten häufig konkrete Fälle von Machtmissbrauch und -kontrolle. Gleichzeitig geht es immer aber auch wieder um die Entstehung und die Entfaltung von Machtbeziehungen, um den Umgang mit oder die Wirkung von etablierten Machtverhältnissen. In historischer Perspektive ist Macht Produkt komplexer Beziehungsgefüge und sie existiert in Politik und Wirtschaft ebenso wie in Familien und Geschlechterbeziehungen.
Das Motto des Bonner Historikertags „Dynamiken der Macht“ verweist darauf, dass Macht und Herrschaft eines größeren Resonanzraums bedürfen, innerhalb dessen sie sich entfalten können. Gleichzeitig lenkt es die Aufmerksamkeit auf die Gegenkräfte – wie Widerstand oder Subversion – und die gegenläufigen Prozesse von Auflösung und Verlust von Macht. Die autoritative Sprache mit Machtbefugnis ist eine elementare Bedingung für die Wirksamkeit ökonomischer, militärischer oder politischer Macht, die ohne andere als diskursive Ressourcen rasch an ihre Grenzen stößt. Gleichzeitig droht sie ohne diesen sprachlich-ideellen Rückhalt immer in reine Gewalt abzurutschen. Damit ist Sprache zugleich auch ein elementares Element ihrer Erosion jenseits des Verlusts oder des Entzugs anderer, primär materieller Ressourcen. Historische Studien zur Kommunikation und zur Rezeption von Machtverhältnissen gehören deshalb zu den wichtigsten Beiträgen einer neuen kritischen Kultur- und Wissensgeschichte.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre des Journals und freue mich, hoffentlich viele von Ihnen beim Historikertag in Bonn zu sehen, damit wir dort die Diskussionen rund um „Dynamiken der Macht“ gemeinsam fortsetzen können.
Ihr Lutz Raphael
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